Letztes Update am Do, 08.06.2017 13:39

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


documenta 14 - Österreich mit entspannten Veteranen vertreten



Kassel (APA) - Auch wenn Österreich bei der documenta 14 nicht im Vordergrund steht - eine Handvoll österreichischer Künstler kann mit ihren Werken bei der wichtigen Kunstschau überzeugen. Neben documenta-Veteranen aus der heimischen Kunstszene gibt es in Kassel aber auch eine fast unbekannte Künstlerin sowie Arbeiten zu entdecken, die in Österreich selbst noch nie gezeigt wurden.

Der aus der Steiermark gebürtige Künstler und Filmemacher Oliver Ressler wird sich in den nächsten drei Monaten nicht über fehlende Aufmerksamkeit beklagen können: Seine Videoinstallation „What is democracy?“ ist Teil der großen Sammlungspräsentation, die Athens Museum für Zeitgenössische Kunst (ENST) als Teil der documenta im Kasseler Fridericianum ausrichtet. Ressler ist damit nicht nur an einem der wichtigen Ausstellungsorte der Stadt präsent, seine Installation ist im Erdgeschoß auch äußerst gut positioniert.

„What is democracy?“ beschäftigt sich mit einer Krise der repräsentativen Demokratie - Ressler hat zwischen 2007 und 2009 auf der ganzen Welt Politaktivisten nach ihrem Verständnis von Demokratie und nach möglichen Verbesserungen gefragt. Aus diesen Interviews montierte er 8 Filme, die in der Kasseler Ausstellung gleichzeitig auf 8 Monitoren laufen. Zusätzlich brennen auf einer großen Leinwand noch die Flaggen der angesprochenen Staaten, gedreht wurde dies in Niederösterreich.

Vor etwa 6 Jahren habe das griechische Museum seine Arbeit gekauft und er sei äußerst froh, dass die bisher noch nie in Österreich selbst präsentierte Installation nun Teil der documenta sei, erklärte der Künstler am Mittwoch gegenüber der APA. „Es ist super so eine große Öffentlichkeit zu haben, mit ein Paar Hunderttausend Menschen, die die Arbeit sehen werden“, sagte er.

Vergleichsweise abseits liegt der Beitrag von Lois Weinberger, der bereits vor 20 Jahren auf der documenta vertreten war. Weinberger hat in den Karlsauen vor einigen Wochen einen 100 Meter langen, 1.3 Meter breiten und 22 Zentimeter tiefen Graben anlegt. Am späten Donnerstagvormittag beobachtete er die ersten Veränderungen in seiner Intervention - absehen von sprießendem Unkraut haben Maulwürfe bereits ein paar Hügel hinterlassen. „Ich finde das fantastisch, wenn die Maulwürfe auch was zu sagen haben“, erklärte der Künstler, der mit seinem „Cut“ neue Kräfte der Natur mobilisieren möchte.

Seine erneute Präsenz in Kassel sieht der Tiroler sehr entspannt. „Das erste Mal war‘s sehr aufregend. Ich bin heuer 70 und selbst überrascht, dass ich total gelassen bin und mir vollkommen wurscht ist, was ringsum passiert“, sagte Weinberger zur APA. Abgesehen von der konkreten Installation ist ein Modell dieser Arbeit sowie einige Fotos aus den frühen Neunzigern, die Müllablagerungen auf Wiesen dokumentieren, auch noch in der Torwache am Brüder-Grimm-Platz zu sehen.

Ein weiterer documenta-Veteran aus Österreich schlägt dieses Mal ebenso unspektakuläre Töne an. Hatte der gebürtige Oberösterreicher Peter Friedl 2007 bei seiner Teilnahme in Kassel mit einer ausgestopften Giraffe aus Palästina für Aufregung gesorgt, zeigt er diesmal ein Video, das von Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ inspiriert ist: „Report“ entstand 2016 in einem Athener Theater und zeigt unübersetzte Monologe von Menschen mit insbesondere migrantischem Hintergrund, die sich wie der Affe in Kafkas Text an eine Akademie wenden, um ihre Quasi-Menschwerdung zu unterstreichen. Dass sich der Künstler hier kritisch unter anderem auf den Umgang mit Flüchtlingen bezieht, liegt auf der Hand.

Kleinformatigeres präsentiert indes die aus Salzburg gebürtige Künstlerin Ashley Hans Scheirl, die an der Wiener Akademie der bildenden Künste kontextuelle Malerei unterrichtet. Nach dem athenischen Teil der documenta, wo sich die Transgenderkünstlerin in poppigen Öl- und Acrylbildern mit sexuellen Identitäten beschäftigte, zeigt sie, er und zuletzt wieder sie in der Kasseler Neuen Galerie nun „TV-Drawings“ aus den frühen Neunzehnachtzigerjahren. Scheirl hat seinerzeit ihren Fernsehkonsum in kleinen und auch datierten Zeichnungen dokumentiert. Auf einem der Blätter ist etwa eine Person zu sehen, die dem damaligen Nationalratspräsidenten Anton Benya ähnelt, andere Blätter muten wie surrealistische Verarbeitungen von Western-Filmen an.

Als kleine Sensation dürfen indes die Werke der aus Wien gebürtigen Elisabeth Wild gelten. Die nunmehr 95-Jährige, die 1938 aufgrund ihrer jüdischen Abstammung vor den Nationalsozialisten aus Österreich flüchten musste, lebte in Argentinien, in der Schweiz und seit mehreren Jahrzehnten nunmehr in Guatemala, wo sie gemeinsam mit ihrer ebenfalls auf der diesjährigen documenta vertretenen Tochter Vivian Suter, Jahrgang 1949, auch künstlerisch tätig ist. Während Suter während der 1970er in der Baseler Kunstszene aktiv war, begann Wilds zumindest europäische Kunstkarriere 2014 mit einer Mutter-Tochter-Ausstellung in der Kunsthalle Basel, die damals vom künstlerischen Leiter der documenta, Adam Szymczyk, geleitet wurde.

Nachdem Wild bereits im athenischen Teil der Kunstschau vertreten war, zeigt Szymczyk, der auch den Katalogtext über die gebürtige Wienerin geschrieben hat, Wild nunmehr auch in der Neuen Galerie. In einem kleinen Raum mit gelben Wänden sind etwa 40 kleinformatige Bilder aus den Jahren 2016 und 2017 zu sehen, die erst bei genauerem Hinsehen als Collagen zu identifizieren sind. Für ihre „Fantasias“ hat Wild flächig wirkende Elemente aus Illustrierten ausgeschnitten und sie schließlich mit einfachen geometrischen Formen kombiniert. Ihre bunten Sujets erinnern an die russische Avantgarde, Szymczyk sieht sie als „Sediment einer Ikonographie des cool chic“. „Wilds kaleidoskopische Welten üben einen ganz speziellen Reiz aus“, schreibt er im „Daybook“ seiner documenta.




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