Letztes Update am Fr, 09.06.2017 07:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fallada-Dramatisierung aus Hamburg am Landestheater NÖ zu Gast



St. Pölten (APA) - Als Gastspiel des Thalia Theaters Hamburg ist am Donnerstagabend eine Bühnenfassung des Romans „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ von Hans Fallada im Landestheater NÖ in St. Pölten zur Aufführung gelangt. In der mit tragikomischen, bisweilen grotesken Elementen durchsetzten Inszenierung von Luk Perceval brillierte ein ausgezeichnetes Ensemble.

„Nicht als echte Milieuschilderung wirklicher Unterwelt“ wollte Fallada den 1934 erschienenen Roman seinerzeit verstanden wissen. Auch Perceval verfremdet die trübe Geschichte vom Prototypen eines chancenlosen, weil allgemeiner Ablehnung ausgesetzten und trotz aller Bemühung nicht resozialisierbaren Losers mit Stilmitteln wie Schattenspiel, überzogenen Sprechweisen oder musikalischen Einschüben in Form von Operettenschlagern (von Hendrik Lücke mit imposanter Stimmkraft geschmettert).

Den Protagonisten Willi Kufalt, der aus dem Knast kommt und letztlich wieder dort landet, spielt Tilo Werner einnehmend als durchaus nüchtern reflektierenden, in der Emotionalität direkt agierenden und nicht zuletzt durch die Brille optisch an Fallada selbst gemahnenden Außenseiter. Um ihn herum scharwenzeln auf rollenden Bürostühlen die karikierten Vertreter der Gesellschaft. Bis zu zehn verschiedene Partien übernehmen die exzellenten Schauspieler. Oliver Mallison etwa demonstriert vom Wachtmeister bis zum Strichmädchen enormen Wandlungsreichtum, Stephan Bissmeier changiert zwischen Pastor und Witwe, Bernd Grawert und Christina Geiße setzen sich ebenfalls in unterschiedlichen Konstellationen in Szene, Kristof Van Boven ist ein idealer schmieriger Ganove Batzke.

Trotz der darstellerischen Leistungen bleibt ein kleiner Rest an Unbehagen. Dieses bezieht sich sowohl auf die bereits im Titel kenntliche fatalistische Botschaft des Stücks als auch auf die Umsetzung, die kaum aktuelle Bezüge erkennen lässt, auch wenn Perceval in Kufalt die Tragik eines sich radikalisierenden Menschen zu erkennen meint. Die psychologischen Prozesse dieser Radikalisierung - Kufalt überfällt brutal Frauen in Parks und ermordet schließlich seine greise Quartiergeberin - verbleiben zu wenig nachvollziehbar.

Ursprünglich war Becketts „Warten auf Godot“ vorgesehen gewesen, doch musste diese Produktion aus Krankheitsgründen eines Hauptdarstellers abgesagt werden. Wie Marie Rötzer, Intendantin des Landestheaters NÖ, mitteilte, wird dieses Gastspiel am 21. und 22. März 2018 nachgeholt.

(S E R V I C E - Landestheater NÖ, St. Pölten: Hans Fallada, Wer einmal aus dem Blechnapf frisst. Gastspiel des Thalia Theaters Hamburg. Weitere Aufführung am Freitag, 9. Juni. Information und Tickets: Tel. 02742/908080-600, www.landestheater.net)




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