Letztes Update am Fr, 09.06.2017 11:22

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documenta 14: Solide Auswahl ohne großen Knaller



Kassel (APA) - Flüchtlinge, Kolonialismus, Krisen, NS-Regime sowie Athen, das neben Kassel nicht nur als zweiter Austragungsort, sondern auch als Inspirationsquelle diente: Chefkurator Adam Szymczyk hat mit der Wahl seiner großer Themen, mit denen sich die Künstler der documenta 14 beschäftigen, eigentlich alles richtig gemacht. Als großer Wurf dürfte diese Ausgabe aber dennoch nicht in die Geschichte eingehen.

Bereits vor der offiziellen Eröffnung der documenta am morgigen Samstag steht mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fest: Szymczyk hat zwar insgesamt brav Kunst zu den wichtigsten Themen der Zeit ausgewählt. In Ermangelung von Kunstwerken, die wirklich strahlkräftig wären oder ordentlich polarisierten, wird diese documenta 14 in Kassel vor allem mit Marta Minujins „Parthenon der Bücher“ am zentralen Friedrichsplatz in Erinnerung bleiben. Die Rede ist von einem Remake ihrer Arbeit aus dem Jahr 1983, in der die argentinische Künstlerin zensurierte Bücher zur Errichtung verwendet hatte und damit die Kulturpolitik der seinerzeit gerade abgesetzten Junta in ihrer Heimat angeprangert hatte.

Die Argentinierin schuf mit ihrer riesigen Architektur-Installation aus Stahl und Büchern aber auch ein visuell ansprechendes Motiv, das gleichzeitig auf die Griechenland-Tangente der diesjährigen documenta mit Athen als zweitem Austragungsort und Inspirationsquelle anspielt. Zur Eröffnungszeremonie am Samstagvormittag kommen auch die Präsidenten von Deutschland und Griechenland. Vor nicht allzu langer Zeit hatten führende Vertreter dieser beiden Staaten im Zusammenhang mit der griechischen Budgetkrise einander vor allem Unfreundlichkeiten ausgetauscht.

Während der diesjährige Kasseler Kunstevent als kulturdiplomatischer Erfolg Chancen hat, in die Lehrbücher aufgenommen zu werden, kann die künstlerische Bilanz nicht gleichermaßen überzeugen. Freilich, die Bezugnahme auf Athen eröffnete auch neue Perspektiven: Die prominent im Fridericianum positionierte Sammlungsausstellung des Athener Nationalen Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) zeigt, dass das aktuelle Griechenland mehr mit „Klassikern“ der Nachkriegsmoderne wie dem Arte-Povere-Vertreter Jannis Kounellis (1936-2017), dem vielseitigen Lucas Samaras oder dem Kinetik-Künstler Takis denn mit antikem Erbe zu tun hat. Trotz herausragender Einzelposition nicht nur der griechischen, sondern auch der internationaler Kunst wie etwa das Video „I Soldier“, in dem der türkische Künstler Köken Ergun eine mit nationalistischem Pathos aufgeladene Angelobungszeremonie in seiner Heimat dokumentierte, dürfte die EMST-Schau jedoch für keine Begeisterungsstürme sorgen.

Griechenland und Athen sind für den künstlerischen Leiter der documenta, Adam Szymczyk, und sein Team aber vor allem auch Ausgangspunkt für kritische Reflexionen. Dazu gehört etwa die Diskussion über Flüchtlinge, die in zahlreichen Kunstwerken aufgegriffen wird: Im Palais Bellevue porträtiert die Griechin Mary Zygouri Athens Vorort Kokkinia als traditionelle Zuwandererstadt für aus anderen Ländern vertriebene Griechen, im Stadtmuseum lässt der Österreicher Peter Friedl in einem Video unter anderem Migranten auf einer Athener Theaterbühne über ihre Integrationsfortschritte erzählen, in der documenta-Halle zeigt der Mexikaner Guillermo Galindo havarierte Flüchtlingsboote aus Lesbos, die er in Musikinstrumente verwandelt hat.

Bezugnahmen auf die bildungsbürgerliche Antike kommen auf der documenta indes nur sporadisch vor und sie verweisen spielerisch auch auf die deutsche NS-Vergangenheit: Zu sehen ist etwa das Ölgemälde „Das Parthenon“ des im Dritten Reich umtriebigen Malers Alexander Kalderach, übrigens eine Leihgabe des Wiener Belvedere, oder Athen-Sujets aus der Mitte des 19. Jahrhunderts von Louis Gurlitt (1812-1897). Die Bildbeschreibung stellt ihn als „Urgroßvater des berüchtigten Kunstbunkerers Cornelius Gurlitt“ vor.

Der Causa Gurlitt, dessen Sammlung von im Dritten Reich aus jüdischen Sammlungen geraubter Kunst 2013 für internationale Schlagzeilen gesorgt hatte, und der Thematik insgesamt wird in der Neuen Galerie auch viel Platz eingeräumt: Die Deutsche Maria Eichhorn präsentiert in ihrer Installation „Rose Valland Institut“ vor allem historische Dokumente und Rechercheergebnisse, die sich auch auf konkrete Fälle des NS-Kunstraubs in Kassel beziehen.

Polarisieren kann diese kritische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus 2017 freilich nicht mehr - das gilt auch für weitere Arbeiten zum Thema, etwa eine Porträtsammlung von NS-Größen, die der polnische Künstler Piotr Uklanski ebenso in der Neuen Galerie zeigt. Vor knapp 20 Jahren hatte Uklanski mit Porträts polnischer Schauspieler, die in antifaschistischen Filmen NS-Bösewichte darstellten, in Warschau noch für einen Eklat gesorgt. Mittlerweile wäre dies dort schwer vorstellbar, im liberalen Kassel wäre dies noch unwahrscheinlicher. Eine manifeste Verschiebung von Wahrnehmungs- und Provokationsschwellen erweisen sich im Zeitalter einer zunehmenden Aufmerksamkeitsökonomie als eines der Probleme dieser documenta.

In der Ausstellungsdramaturgie der Neuen Galerie, die 2017 der zentrale Ort dieser documenta ist, leiten die Kuratoren von der NS-Thematik zum Kolonialismus und seinen ideologischen Grundlagen weiter. Zu sehen ist hier etwa eine umfangreiche Rauminstallation der senegalesischen Künstlerin Pelagie Gbaguidi, die eine Pädagogik zur Überwindung der Kolonisierung propagiert. Als Teil ihrer Arbeit fungieren dabei auch Handpuppen aus Deutschland , mit denen insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Figuren wie „Neger im Frack“, „Negerbabys“ oder „Jude“ gespielt wurden. Ähnliche rassistische Klischees finden sich in der Neuen Galerie aber auch in Bildern von Ludwig Emil Grimm (1790-1863), eines weiteren Grimm-Bruder, die dieser in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeichnete.

Eine unerwartete Perspektive auf Kolonialisierung bieten schließlich Werke von Künstlerinnen, die dem kleinen Volk der Sami im Norden Skandinaviens angehören. Die aus dem äußersten Norden Schwedens stammende Britta Marakatt-Labba hat zwischen 2003 und 2007 die Nationalgeschichte ihres Volkes mit viel Liebe zum Detail auf 20 Meter langen und 40 Zentimeter breiten Leinenstreifen gestickt. Sie hat damit eine der wohl eindrucksvollsten Arbeiten dieser documenta geschaffen, die in der documenta-Halle zu sehen ist. Die aus dem äußersten Norden Norwegens stammende Maret Anne Sara dokumentiert indes in der Neuen Neuen Galerie den Kampf ihres Bruders gegen ein norwegisches Gesetz, das eine drastische Reduktion der Rentier-Population vorsieht und das Sami-Aktivisten als unzulässigen Eingriff in ihre Rechte erachten. Neben einer Installation skelettierter Rentierschädeln stellt Sara auch Fotografien einer Rentierschädel-Protestaktion ihres Bruders sowie den umstrittenen Gesetzestext aus.

Trotz sehr vieler internationaler, aber auch deutscher Bezugspunkte will der aus Polen gebürtige Adam Szymczyk, der vor seiner Berufung zum künstlerischen Leiter der documenta den Kunstverein in Basel leitete, gleichzeitig seine Wurzeln nicht verleugnen. In der Neuen Galerie sind einige herausragende Vertreter der polnischen Kunst des 20. Jahrhunderts vertreten, darunter die polnischen Surrealistin Erna Rosentein (1913-2004) mit Gemälden, Alina Szapocznikow (1926-1973) mit tumorartige Skulpturen, der Konstruktivist und Kasimir Malewitsch-Schüler Wladyslaw Strzeminski (1893-1952) unter anderem mit einem Manuskript oder Andrzej Wroblewski (1927-1957) mit Straßenzeichnungen sowie einem Gemälde mit Arbeitern. Szymczyk zeigt aber zeitgenössische polnische Kunst, in der Neuen Neuen Galerie etwa Artur Zmijewski, dessen neue Videoarbeit „Realism“ kriegsversehrte russische Ex-Soldaten der jüngeren Generation bei Gymnastikübungen porträtiert.

Stark vertreten sind aber auch Künstler aus anderen ehemaligen Staaten des Ostblocks, wobei es eine auffällige Ausnahme gibt: Die documenta 14 verzichtet völlig auf lebende Künstler aus Russland oder der Ukraine, der seit 2014 tobende Konflikt dieser beiden Staaten wird auch inhaltlich ausgeklammert. Gleichzeitig ist die ehemalige Sowjetunion ein wichtiges Sujet in zahlreichen ausgestellten Werken. In der Neuen Neuen Galerie sind Fotografien des litauischen Künstlers Algirdas Seskus zu sehen, der bereits in den 1970ern begann, den Niedergang der Sowjetunion zu dokumentieren, im Stadtmuseum erinnert sich Slowakin Anna Daucikova in einem Video aus dem Jahr 2015 an spätsowjetische Widrigkeiten in Moskau.

(S E R V I C E - www.documenta14.de)




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