Letztes Update am Fr, 09.06.2017 16:19

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


UK-Wahl - Niederlage einer Pokerspielerin



London (APA/AFP) - Sie hat hoch gepokert und viel verloren: Premierministerin Theresa May hat mit ihren konservativen Tories die absolute Mehrheit eingebüßt. Eigentlich wollte sie sich mit der vorgezogenen Parlamentswahl Rückendeckung für die anstehenden Brexit-Verhandlungen mit der EU verschaffen. Nicht nur die Labour-Partei fordert nun Mays Rücktritt. Doch die 60-Jährige klammert sich ans Amt.

Sie will den EU-Austritt notfalls an der Spitze einer Minderheitsregierung vorantreiben. Auch aus den Reihen der Konservativen wird Kritik an May laut: „Die Wahl hat ihre Autorität schwer verletzt, vielleicht sogar tödlich“, sagt der frühere Tory-Abgeordnete Paul Goodman, der die Webseite ConservativeHome betreibt. Die frühere Industrieministerin Anna Soubry legt May sogar einen Rückzug nahe: „Sie hat einen furchtbaren Wahlkampf geführt, sie sollte ihre Position überdenken.“

Nicht zuletzt die Attentate in London und Manchester mit insgesamt 34 Toten setzten May kurz vor der Wahl unter Druck. Die Opposition erinnerte daran, dass May als Innenministerin zwischen 2010 und 2016 für drastische Stellenstreichungen bei der Polizei verantwortlich war. Ihre Erklärung, sie habe dafür sorgen müssen, dass Großbritannien „nicht über seine Verhältnisse lebt“, sorgte bei vielen Briten für Empörung.

Der drohende Brexit mobilisierte zudem viele Jungwähler: Nachwahlbefragungen zufolge gingen diesmal deutlich mehr Briten unter 35 Jahren zur Wahl, und sie stimmten mit großer Mehrheit für die Labour-Partei. Deren Chef Jeremy Corbyn ist zwar auch nicht gegen einen EU-Austritt, aber er warb für einen „Jobs-First-Brexit“, der möglichst viele Arbeitsplätze im Königreich erhalten sollte.

Für May ist die vorgezogene Wahl ebenso zum Bumerang geworden wie das Brexit-Referendum für den früheren Premier David Cameron, der auf einen Verbleib in der EU gewettet hatte.

Nach Camerons Rücktritt erschien Mays Lage eigentlich komfortabel: Sie hätte noch bis 2020 regieren können, nachdem sie Mitte Juli in die Downing Street Number 10 eingezogen war. Zunächst schloss sie Neuwahlen aus; doch die hervorragenden Umfrageergebnisse verleiteten die Konservative zu dem Wunsch, sich ein starkes Mandat für die Mitte Juni formell beginnenden Verhandlungen über den EU-Austritt Großbritanniens zu holen.

Zwar ist noch nicht klar, wie die neue Regierung aussieht. Als einziger möglicher Koalitionspartner bieten sich die nordirischen Unionisten an. Aber May betont, sie strebe mit ihrem neuen Kabinett einen „erfolgreichen Brexit-Deal“ an. EU-Vertreter warnen dagegen bereits vor einem Scheitern der Verhandlungen, da die Premierministerin nicht die nötige Rückendeckung aus der Bevölkerung hat.

Geboren wurde May am 1. Oktober 1956 in eine Pfarrersfamilie in Eastbourne, einer Stadt am Ärmelkanal. Dort verbrachte sie auch ihre Kindheit. Sie studierte an der Elite-Universität Oxford Geografie und arbeitete kurz bei der Bank of England.

Ihre politische Karriere startete May 1986 als Gemeinderätin im vornehmen Londoner Stadtbezirk Merton. Nach zwei gescheiterten Anläufen zog sie 1997 als Abgeordnete ins britische Unterhaus ein - für den wohlhabenden Wahlbezirk Maidenhead im südenglischen Berkshire.

Von 2002 bis 2003 war May die erste Generalsekretärin der Konservativen. Legendär wurde ihr Ausspruch auf einem Parteitag, die Tories müssten das Image der „fiesen Partei“ loswerden. Doch auch im Wahlkampf machten sie ihrem Ruf als Partei der sozialen Kälte alle Ehre, weil sie ältere Menschen maßgeblich an den Kosten für ihre Pflege beteiligen wollten.

Ihr nüchterner Politikstil brachte May Vergleiche mit der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher ein, der einstigen britischen Premierministerin. Dabei hat sie mehr mit Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gemein: als konservative, kinderlose und oft kühl wirkende Pfarrerstochter. Viele Briten schreckte diese als „roboterhaft“ empfundene Art laut Umfragen aber ab.




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