Letztes Update am Fr, 09.06.2017 15:22

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


UK-Wahl - Politologin Goes: Unkonventioneller Stil Corbyns kam gut an



London (APA) - Das überraschend gute Abschneiden der Labour Party in Großbritannien bei der vorgezogenen Parlamentswahl am Donnerstag ist aus Sicht der Politologin Eunice Goes auch auf den Wahlkampf des selbst innerparteilich nicht unumstrittenen Parteichefs Jeremy Corbyn zurückzuführen. Die Leute hätten unter anderem „sehr gut auf seinen unkonventionellen Politikstil reagiert“, sagte Goes am Freitag zur APA.

„Er hat sich geweigert, in Soundbites zu sprechen, er schaut sehr altmodisch aus, er hat nicht ausgesehen wie der glatte Politiker, den wir in den vergangenen 30 Jahren gewohnt waren. Und dass er so authentisch gewirkt hat, hat einen unglaublichen Nachhall bei jungen Leuten gefunden, die bisher enorm enttäuscht waren über Parteipolitik“, analysiert Goes, die an der Richmond University in London lehrt und sich in ihrer Forschung schwerpunktmäßig mit der Labour Party befasst.

Die Wahlbeteiligung unter jüngeren Wählern, oft eine große Unbekannte vor britischen Urnengängen, sei diesmal sehr hoch gewesen - die höchste unter 18- bis 35-Jährigen seit Jahrzehnten. Gleichzeitig habe Labour aber auch ältere Wähler erreicht.

Die Partei habe in diesem Wahlkampf „Hoffnung“ versprochen, sagt Goes: „Labour hat ein Versprechen abgegeben, dass es eine Alternative gibt zur Schwarzmalerei von Theresa May, dass es eine Alternative zur Austerität gibt.“ Den Briten sei sieben Jahre lang gesagt worden, sie müssten ihren Gürtel enger schnallen, dass das Leben hart sei und man sich daran anpassen müsse. Und die Sparmaßnahmen seien für die Menschen auch spürbar gewesen, ebenso wie die Stagnation bei den Löhnen.

Corbyn habe außerdem davon profitiert, dass „der Theresa-May-Mythos“ ins Wanken geraten sei. Sie habe im Wahlkampf roboterhaft, unemotional und nicht einfühlsam gewirkt. „Und letztendlich wollen die Wähler auch einen Parteichef oder Premierminister wählen, der ihre Misere und ihre Probleme zu verstehen scheint.“ Was die Konservativen im Moment zusammenhalte und dazu führe, dass sie May nicht herausforderten, sei die Furcht vor einer weiteren Neuwahl. Dennoch könnte es letztlich dazu kommen, meinte Goes.

Dass Mays Tage als Parteichefin gezählt sein könnten, das denkt auch der Politik-Journalist James Hanning. Ihre Position in der Konservativen Partei sei „extrem schwach“, sagte er am Freitag zur APA. „Wenn Du gewinnst, lieben sie Dich, wenn nicht, steckst Du in Schwierigkeiten“, fasste er es zusammen.

Sie habe zwar die Wahl gewonnen, und die Konservativen seien nach wie vor stärkste Partei. „Aber für sie ist das eine Niederlage. Sie hätte diese Wahl nicht ansetzen müssen, und jetzt ist sie in einer schlechteren Lage, als bevor sie sie angesetzt hat.“

Hanning beschreibt die Politikerin als „sehr tough“. May nehme ihren Job sehr ernst. „Einfach zu gehen und ein Chaos zu hinterlassen, das wäre etwas, was sie versuchen wollen würde zu vermeiden.“

(Die Gespräche führte Alexandra Frech/APA.)




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