Letztes Update am Sa, 10.06.2017 09:58

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


documenta 14: Freuds Nichte unter Vergessenen der Zwischenkriegszeit



Kassel (APA) - Der Modernismus konnte vor dem Einsetzen von Totalitarismen in den Dreißigerjahren gerade auch im Kinderbuch und Kindertheater Fuß fassen. Mit Walter Benjamins Freundin Anna „Asja“ Lacis und Sigmund Freuds Nichte Tom Seidmann-Freud erinnert die documenta in der Grimmwelt in Kassel an fast in Vergessenheit geratene Kulturschaffende, die sich jeweils intensiv mit Kinderkunst beschäftigt hatten.

Die 2015 eröffnete Grimmwelt, ein dem Werk der eng mit Kassel verbundenen Brüder Grimm gewidmetes Museum, hebt mit sich mit einer kleinen Ausstellung mit zwei Miniretrospektiven inhaltlich von anderen Teilen der diesjährigen documenta hervor, die am heutigen Samstag offiziell eröffnet wird. Im Grimm‘schen Kontext stellt sie zwei bedeutende Kulturschaffende der Zwischenkriegszeit vor: Sowohl Anna „Asja“ Lacis (1891-1979), als auch Tom Seidmann-Freud (1892-1930) beschäftigten sich in den 1920ern einer für Kinder bestimmten Kunst und sie und ihr Werk galten lange Zeit als weitgehend vergessen.

In einem besonderen Ausmaß trifft das auf Tom Seidmann-Freud zu, eine 1892 in Wien als Martha Gertrud Freud geborene und später in Berlin aufgewachsene Nichte von Sigmund Freud, die seit ihrem 15. Lebensjahr einen männlichen Vornamen verwendete. Nach dem Ersten Weltkrieg übersiedelte sie zunächst nach München und war zunächst als Malerin tätig. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Lilly Marlé-Freud (1888-1970) kam sie in Kontakt mit einer deutsch-jüdischen Künstler- und Intellektuellenszene, zu der neben dem Philosophen Gershom Scholem (1897-1982) auch der spätere Literaturpreisträger Samuel Joseph Agnon (1888-1970) zählte.

Mit ihrem Gatten Jakob Seidmann betrieb sie anschließend in Berlin einen Kinderbuchverlag, der insbesondere auch mit jüdischen Autoren aus Osteuropa kooperierte. Angesichts massiver wirtschaftlicher Probleme nahm sich Seidmann 1929 das Leben, die Witwe folgte ihm nur wenige Monate später in den Freitod. Ihr Gesamtwerk blieb in Folge jahrzehntelang unbeachtet in einer Schachtel, die von Schwester Lilly aufbewahrt wurde. Nach deren Tod ging alles an Seidmann-Freuds in Israel lebende Tochter, die schließlich mit der Aufarbeitung des mütterlichen Nachlasses begann.

Die in Kassel ausgestellten Werke, insbesondere kolorierte Zeichnungen und Entwürfe für Kinderbücher, überzeugen mit einer brillanten Einfachheit, die sowohl Einflüsse von Wiener Moderne als auch der Neuen Sachlichkeit erkennen lassen. Erst in den vergangenen Jahren mehrte sich das Interesse an der Künstlerin, zuletzt sind von Seidmann-Freud illustrierte und teils verfasste Kinderbücher wie „Die Fischreise“, „Das Zauberboot“ oder „Das Buch der Hasen“ nach jahrzehntelanger Pause neu aufgelegt worden. Seinerzeit waren diese Bücher teils hymnisch rezensiert worden. Von einem „mustergültigen Bilderbuch“ schrieb 1927 das Wiener Journal über „Die Fischreise“ und niemand geringerer als Walter Benjamin (1892-1940) erachtete „Das Zauberboot“ gar als „das schönste aller Kinderbücher“.

Der Berliner Kulturphilosoph spielte aber auch eine Nebenrolle im Leben von Anna „Asja“ Lacis, mit der sich eine weitere Miniretrospektive in der Grimmwelt beschäftigt. Benjamin hatte die marxistische Theaterexpertin aus Lettland 1924 auf Capri kennengelernt und sich in sie verliebt. 1926/1927 reiste er deshalb in die Sowjetunion, wo er mit seinem berühmten „Moskauer Tagebuch“ eine Chronologie des Scheiterns privater wie beruflicher Ambitionen verfasste.

Nach einem letzten Aufenthalt in Berlin kehrte Lacis 1930 in die Sowjetunion zurück, wo sie am lettischen Skatuve-Theater in Moskau als Regisseurin tätig war. Im Rahmen der stalinistischen Säuberungswelle gegen das Skatuve-Ensemble wurde sie 1938 vom NKWD verhaftet und zu zehn Jahren Zwangsarbeit in Kasachstan verurteilt.

Die documenta erinnert insbesondere an Lacis‘ Theaterlaufbahn, die 1918 mit der Gründung eines Kinderexperimentaltheaters in der russischen Provinzstadt Orel begonnen hatte, im Deutschland der Mitte der Zwanzigerjahre als Assistentin in Produktionen von Bertolt Brecht oder Erwin Piscator weiterging und im lettischen Theater in Moskau gipfelte. Immer wieder arbeitete sie aber auch mit Kindern, etwa in kollektiven Bauerntheatern in der russischen Provinz und sie veröffentlichte bereits 1928 ein Werk über „Kinder und Kino“. Obwohl Lacis nach Stalins Tod rehabilitiert wurde, konnte sie ihre Karriere nie mehr wirklich fortsetzen. Sie starb 1979 in Riga, der Provinzhauptstadt der damaligen Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik.

Der jüdisch-polnische Schriftsteller und bildende Künstler Bruno Schulz (1892-1942), der aus dem heute westukrainischen Städtchen Drohobytsch stammte, seinerzeit das polnische Drohobycz, hat Walter Benjamin zwar nie getroffen. Aufgrund einer beidseitigen Affinität zur Moderne, einer Beschäftigung mit der Kindheit und einem vorhandenen Faible für jüdische Mystik werden der Berliner Denker und polnische schreibende Autor mittlerweile jedoch von Literaturwissenschaftern verglichen.

In der Grimmwelt zeigt die documenta eine finale Werkgruppe des vielfältig begabten Galiziers: Während der Besetzung durch die Nazis hatte Schulz aufgrund seiner jüdischen Abstammung in das Ghetto seines Heimatstädtchen umsiedeln müssen. Er war jedoch von dem aus Wien stammenden SS-Offizier Felix Landau beauftragt worden, für dessen Privatvilla Szenen aus Grimm-Märchen zu malen - diese sind zu einem Teil nunmehr in Kassel ausgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg übermalt und erst nach dem Ende der Sowjetunion wiederentdeckt, befinden sich die Tafelbilder, eine Leihgabe des Lokalmuseums von Drohobytsch, in einem äußerst schlechten Zustand. Sie lassen aber die Qualitäten Schulz‘ erkennen, der nur kurze Zeit später von den Nazis erschossen worden war und dessen Werk jahrzehntelang als praktisch völlig vergessen galt.

(S E R V I C E - www.documenta14.de)




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