Letztes Update am Sa, 10.06.2017 11:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wiener Festwochen - Tanz-Battles im Dustern: „New Creation: Inoah“



Wien (APA) - Die Bühne der Halle G im Museumsquartier bleibt die meiste Zeit duster. Doch das, was die zehn Tänzer der Grupo de Rua mit „New Creation: Inoah“ bei den Wiener Festwochen aufbieten, strahlt ohnehin von selbst. Mit einer ganz eigenen, intensiven Mischung aus Hip-Hop, Breakdance und Straßentanz erntete das Stück des brasilianischen Choreografen Bruno Beltrao am Freitagabend lang anhaltenden Applaus.

Dabei sollte ursprünglich alles ganz anders aussehen. Im Ankündigungstext ist noch von 4,6 Kilometern die Rede, die die Tänzer - „inspiriert von geopolitischen Bewegungsströmen“ - auf einem riesigen Laufband zurücklegen. Doch dieses war, so erzählte Beltrao dem „Standard“ bei der Weltpremiere in Hamburg vergangenes Wochenende, zu teuer. Aus „New Creation“ wurde „Inoah“, benannt nach jener Stadt nahe der Weltmetropole Rio de Janeiro, in der die 1996 gegründete Grupo de Rua (übersetzt: Straßengruppe) ein Studio gefunden hat, das - so der Starchoreograf im Begleitheft - „groß genug und bezahlbar war“.

Statt des Bezugs auf Flüchtlingsbewegungen nun also: urbaner Alltag. Denn wenn die jungen Männer scheinbar ziellos in gedimmtem Licht die Ränder der Bühne abgehen, wirken sie, als würden sie auf den Straßen Inoahs schlendern. Über ihnen an den Wänden sind neun schmale Bildschirme angebracht, die Ausschnitte des sich verändernden Himmels über ihnen zeigen: Ein Vogel nimmt Platz auf einer Stromleitung, Blätter wehen im Wind, die Wolkendecke weicht einem Sternenhimmel. Am Bühnenboden selbst bleibt es die meiste Zeit dunkel, die schwarzen Schuhe scheinen mit dem Untergrund zu verschmelzen. Nur einzelne Lichtkegel fallen in den Bühnenraum, der Soundtrack ist von kontinuierlichem Grollen bestimmt, hinzu kommt nur das Quietschen der Schuhe.

Jeden Moment schlägt Ruhe in eine rasante Bewegungsabfolge um, und hält diese kurz darauf ebenso abrupt wieder an. Scheint jeder der Männer anfangs für sich, kommt es zunehmend zu Gemeinschaften und Berührungen, wird ein Partner am Arm gepackt und gezogen, um eine Handlung zu unterbrechen oder eine neue herbeizuführen. Auf Attacke gemünzte Gesten und Rituale des Straßentanzes werden angedeutet, die Männer scheinen jeden Moment in einen Dance-Off auszubrechen - wirken dabei kraftvoll, aber nie aggressiv, vielmehr geschmeidig. Das mag auch an den großartigen Kostümen von Marcelo Sommer liegen, der die trainierten, teils tätowierten Körper mit sanften, flatternden Hosenröcken umhüllt.

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In der Recherche habe ihn „besonders das Im-Verhältnis-Stehen beschäftigt - zueinander und zur Welt“, sagt Beltrao (Jahrgang 1979), der mit gerade mal 16 Jahren die Grupo de Rua mit befreundeten Breakdancern ins Leben rief. Das gegenseitige Ziehen, Abstützen und Wegdrücken steht als Symbol für Formen der Begegnung. Seine Tänzer setzen das mit ungemeiner Kraft, Präsenz und Virtuosität um. Es mutet hochakrobatisch an, wenn sie sich ganz klein machen und über den Boden fetzen, kugeln, wippen und drehen, nach vorne und zurück rollen, dann plötzlich aufspringen; wie sie sich aus dem Stand über den Rücken abrollen, mit einem Fuß hoch stemmen und schon mal auf dem Kopf zum Stehen kommen. Immer wieder scheint dem Publikum kollektiv der Atem wegzubleiben.

„Inoah“ erscheint dabei wie mehrere Tanzstücke in einem - mit der Lichtstimmung verschiebt sich auch die Dynamik, variiert die Gruppierung der Tänzer, setzen diese ihre Körper neuartig ein. Das bietet Abwechslung und Spannung; Intensität und Hingabe aber bleiben konstant. Nach etwas weniger als einer Stunde erlischt das Licht plötzlich ganz. Die Gruppe hört so unvermittelt auf, wie sie angefangen hat - und lässt die Besucher mit dem Wunsch nach mehr, viel mehr, zurück.

(S E R V I C E - Grupo de Rua: „New Creation: Inoah“ in der Halle G im MuseumsQuartier. Regie: Bruno Beltrao, Lichtdesign: Renato Machado, Soundtrack: Felipe Storino, Kostüme: Marcelo Sommer. Mit Leozin Laureano, Olye Souza, Joao Chataignier, Kapu Araújo, Cley Almeida, Leandro Rodrigues, Douglas Santos, Duke Pantoja, Bruno Duarte, Igor Martins. Weitere Termine: 10. bis 12. Juni, jeweils 20 Uhr. www.festwochen.at)




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