Letztes Update am Mo, 19.06.2017 05:49

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Kuba im Wandel“ - Rötlich gefärbter Versuch einer Annäherung



Havanna/Washington/Wien (APA) - US-Präsident Donald Trump macht die von seinem Vorgänger Barack Obama eingeleitete Öffnung gegenüber Kuba teilweise rückgängig. Dank dieser „Breaking News“ ist die Karibikinsel seit Freitag wieder ein Medienthema. Dabei hatte auch Obama in Wahrheit keine echte Trendwende herbeigeführt. Das meinen zumindest die 16 Autorinnen und Autoren des neuen Sammelbandes „Kuba im Wandel“.

Sie stammen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und brechen eine Lanze für die seit den späten 1950er Jahren von den Gebrüdern Fidel (2016 verstorben) und Raul Castro (seit 3. Juni 86 Jahre alt) geprägte Karibikinsel. Erschienen ist das ideologisch zweifellos rötlich gefärbte Buch kurz vor der Ankündigung Trumps, gegenüber Kuba wieder andere Saiten aufziehen zu wollen. Aber auch ohne Kenntnis der Rolle rückwärts im Weißen Haus herrschte unter den ausgemachten Kuba-Kennern Skepsis bezüglich der hehren Absichten der Supermacht.

„Die USA ändern zwar ihre Methoden, aber doch nicht die Ziele ihrer Politik“, heißt es gleich auf den ersten Seiten des Buches. Diese führe schlicht einen Krieg gegen den „Aufbau des Sozialismus“ in Kuba. Womit schon klar gestellt ist, aus welcher Richtung der Wind in diesem Buch weht. Nämlich von ziemlich links. Ihnen allen sei eines gemeinsam, schreiben die Autoren im Vorwort, und zwar „eine tiefe Verbundenheit mit der kleinen sozialistischen Insel, die kontinuierlich Widerstand leistet in der riesigen kapitalistischen Welt“.

Das mag nun geradezu naiv-idealistisch klingen, und mitunter schimmert eine gewisse kritikferne Faszination auch durch, doch werden in dem Buch durchaus stringente nachvollziehbare Argumente genannt, wieso ein Land und ein Gesellschaftsmodell ganz besonders lebens- wie liebenswert sein kann, wenn dort eben nicht „die großen Unternehmen und Banken das Sagen haben.“

Gewisse Sektoren funktionieren auf Kuba ja fast unbestritten tadellos, etwa das Bildungs- oder Gesundheitswesen. Gerade bei letzterem wird dem Leser manche Doppelmoral der USA in der Kubafrage geschickt vor Augen geführt. Washington setze nämlich das Thema Migration als Waffe ein, moniert etwa der in Havanna lebende Schweizer Michael Hofmann. „So gibt es seit 2006 das unter George W. Bush eingeführte Programm ‚Cuban Medical Professional Parole‘, mit dem kubanisches Fachpersonal aus dem medizinischen Bereich direkt abgeworben werden soll.“

Kubanischen Ärztinnnen und Ärzten werden laut Hofmann gut bezahlte Jobs in US-amerikanischen Spitäler und sogar schmucke Eigenheime in Aussicht gestellt, wenn Sie ihre Heimat verlassen. Dieser ganz gezielt provozierte „Braindrain“ hat mehrere Folgen: Einerseits wird das kubanische Gesundheitssystem durch den aktiv geförderten Exodus geschwächt, andererseits profitieren nun die USA von der ausgezeichneten medizinischen Ausbildung, zu der sie nichts beigetragen haben. Und drittens können diese propagandistisch vermelden, dass die Kubaner aus System-Verdrossenheit reihenweise emigrieren...

Auch Michael Wögerer, der 2007 in Havanna „Philosophie und Geschichte sowie das Leben der Menschen auf der roten Insel studierte“, und von 2011 bis 2015 der österreichisch-kubanischen Gesellschaft vorstand, versucht in seinem Beitrag gängige Meinungsstereotypen zu hinterfragen. Ihm stößt sauer auf, dass Kuba in einer Rangliste der NGO „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 171 von 180 Ländern (Stand Dezember 2016) gereiht wird.

Hinter Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten oder Mexiko, „in denen nicht nur die Verfolgung von kritischen JournalistInnen an der Tagesordnung sind, sondern oftmals auch deren Ermordung“, wie Wögerer meint. In Mexiko, führt er als Beispiel an, wurden seit dem Jahr 2000 mehr als 80 Medienschaffende getötet. Solche Zahlen können selbst böswillige Kritiker für Kuba nicht einmal erfinden.

Ganz generell stellt der 1981 geborene Journalist die Methodik von „ROG“ infrage. Es sei belegt, dass gewisse Informationen von Exilkubanern beigesteuert wurden, die von den USA unterstützt und daher alles andere als unabhängig agieren. Der Verein werde „sowohl von der französischen als auch von der US-Regierung bezahlt. Unter anderem über eine im Kalten Krieg von Präsident Ronald Reagan gegründete US-Stiftung. „Diese untersteht dem US-Außenministerium und bezieht 90 Prozent ihrer Gelder aus dem US-Staatshaushalt. Viele Kritiker werfen ROG einseitige Berichterstattung über die Verfolgung von Journalisten vor“.

Auch wenn Wögerer Kuba nicht als paradiesischen Hort der Pressefreiheit schönreden will, so hat er dort während seines Studienaufenthalts doch seine eigenen Erfahrungen gemacht. „Wäre es tatsächlich so, dass Kritik an Regierung und Behörden dort unterdrückt würde oder sogar zu Inhaftierungen führten, würden die Gefängnisse aus allen Nähten platzen. An jeder Bushaltestelle, in jedem Park und im kleinen Kreis der Familie wird lebhaft teils heftig über dieses und jenes diskutiert und gestritten.“

Die Kubaner seien ständig am Kritisieren, erinnert sich Wögerer. „Am liebsten über die Verwaltung, die Politik, den öffentlichen Verkehr und darüber, was alles in Kuba nicht funktioniert und wie man es besser machen müsste. Dabei nehmen Sie kein Blatt vor den Mund und scheuen auch nicht davor zurück, Probleme direkt in den Institutionen anzusprechen.“

Selbst wenn in Kuba selbstverständlich nicht alles nach Plan und damit fehlerfrei laufe, sei es also möglich, eine offene Debatte über soziale und gesellschaftliche Probleme in der kubanischen Gesellschaft zu führen. Auch gebe es in Kuba beispielsweise keinen inhaftierten Blogger. „Was im lateinamerikanischen Vergleich keine Selbstverständlichkeiten sind.“

Nun ist das Thema Internet auf Kuba sicher ein heikles, weil der Zugang beschränkt und meist nur an speziellen Hotspots möglich ist. Dennoch regen Beiträge wie dieser zum Nachdenken an. Darüber, wo wohl die „Wahrheit“ über das Leben auf der Zuckerinsel liegen könnte. Wahrscheinlich ist sie weder in Kubas kommunistischem Zentralorgan „Granma“ noch im State Department oder Pentagon in Washington zuhause.

In dem vorliegenden Buch ist die reine Wahrheit wohl auch nicht zu finden. Doch handelt es sich wenigstens um den Versuch einer engagierten und ehrlichen Annäherung an die Realität in einem Land, das zweifellos Fehler hat und macht, aber von der immer mehr durch eine neoliberale Globalisierung durchsetzten Welt auch mutwillig missverstanden wird. Weil es nicht zuletzt aufgrund seiner von Unterjochung und kolonialer Ausbeutung gezeichneten Geschichte trotzig aus der Reihe tanzt...

S E R V I C E: Hermsdorf, Volker/Klattenhoff Paula/Kreymann, Lena/Salin, Tobias (Hg.): Kuba im Wandel. Verlag Wiljo Heinen. Berlin und Böklund, 2017. 160 Seiten; 11,50 Euro. ISBN-10: 3955140318; ISBN-13: 978-3955140311. Auch als E-Book erhältlich.

A V I S O: Der kubanische Außenminister Bruno Rodriguez Parrilla nimmt heute, Montag, in Wien im Rahmen einer Pressekonferenz zu aktuellen Themen wie dem Kurswechsel der USA unter Präsident Donald Trump Stellung.

Zeit: 16.00 Uhr. Ort: Hotel Intercontinental, Konferenzsaal, 1030 Wien, Johannesgasse 28. Die APA wird berichten.




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