Letztes Update am Di, 04.07.2017 08:52

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Streit um geplanten Abriss der Oper am Istanbuler Taksim-Platz



Istanbul (APA/AFP) - Abweisend und düster erhebt sich am Rande des Istanbuler Taksim-Platzes das Atatürk Kulturzentrum (AKM). Das einstige Opern- und Konzerthaus steht seit Jahren leer, die Fenster zersprungen, die Fassade heruntergekommen, das Gelände abgesperrt. Nun hat Staatschef Recep Tayyip Erdogan angekündigt, das riesige Gebäude abreißen und an seiner Stelle ein neues, modernes Opernhaus errichten zu lassen.

Seine Ankündigung stößt allerdings nicht bei allen auf Begeisterung. „Das AKM-Projekt in Istanbul ist vorbei, wir werden es abreißen, und Istanbul wird ein schönes, neues Gebäude erhalten“, sagte Erdogan Anfang Juni in einer Rede. „Alles was wir wollen, ist dass Istanbul ein Kultur- und Kunstzentrum bekommt, das es verdient.“ Doch während die einen die Ankündigung begrüßen, sehen andere darin einen weiteren Schlag gegen das säkulare Erbe von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

„Wir warten seit langem auf eine richtige Konzerthalle und die Ankündigung Erdogans hat uns mehr als glücklich gemacht“, sagt Yesim Gürer Oymak, Direktorin des Istanbuler Musikfestivals. „Das heißt, dass mehr internationale Orchester und große Produktionen nach Istanbul kommen werden, und die Kompanien aus der Türkei aufwendigere Produktionen zeigen können.“

Für Sami Yilmaztürk von der Istanbuler Architektenkammer ist der Abriss des AKM dagegen „Teil eines Projekts zum Stopp der Modernisierung und zur Zerstörung der Republik“. Mit der Beseitigung des symbolträchtigen Gebäudes solle die „Utopie“ der Republik, wie sie Atatürk erdacht habe, zunichtegemacht und die Entwicklung zurückgedreht werden, sagt er.

Der Republikgründer war ein großer Fan und Förderer der Oper und anderer europäischer Künste. In dem 1969 eröffneten Kulturzentrum am Taksim-Platz sollten Oper, Ballett und klassische Musik ein würdiges Zuhause finden. Doch ein Jahr nach der Eröffnung brannten die Konzert- und Ausstellungssäle aus, und das Gebäude musste komplett renoviert werden.

Ab 1978 war dann der Koloss mit der filigranen Gitterfassade über drei Jahrzehnte das Zentrum der Istanbuler Kulturszene, bevor es 2008 erneut für Renovierungsarbeiten geschlossen wurde. Die Opern- und Balletttruppe musste in die Sureyya Oper auf der asiatischen Seite der Bosporus-Metropole ausweichen, die zwar schmuck, aber für große Aufführungen viel zu klein ist.

Im AKM wurde die Renovierung bald gestoppt und seitdem steht der Gigant düster und triste am Taksim-Platz - für manche Symbol des desolaten Zustands der türkischen Kultur unter der islamisch-konservativen Regierung Erdogans. Schon seit Jahren sorgt das Gebäude für Debatten, und im Sommer 2013 war es einer der Brennpunkte der sogenannten Gezi-Proteste.

Bei der Protestwelle, die durch Pläne zur Bebauung des kleinen Gezi-Parks am Taksim-Platz ausgelöst wurde, gab es auch Gerüchte, Erdogan wolle an der Stelle des AKM eine Moschee bauen. Der frühere Istanbuler Bürgermeister will schon lange eine Moschee am Taksim-Platz und im Februar nun wurde tatsächlich auf der anderen Seite des Platzes mit dem Bau begonnen.

Bei Passanten stoßen die Baupläne auf ein geteiltes Echo. „Das AKM repräsentiert Taksim. Sie ruinieren die Silhouette des Platzes. Wir haben gesehen, was bisher hier gebaut wurde“, sagt eine Frau und meint die umfassenden Bauarbeiten, in deren Zuge der einst verkehrsreiche Platz in den vergangenen Jahren in eine Fußgängerzone verwandelt wurde.

Ein Passant meint dagegen, das AKM sei ein „hässliches Gebäude“ und sein Abriss biete zumindest die Chance, etwas Schöneres zu schaffen. Tatsächlich könnte Istanbul mit einem Neubau dem Beispiel von Städten wie Dubai oder Maskat folgen, die mit neuen Konzertsälen beliebte Attraktionen schufen. So gespalten wie die Türkei derzeit ohnehin ist, wird der Neubau aber kaum ohne weitere Kontroverse erfolgen.




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