Letztes Update am Di, 04.07.2017 16:30

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Federdieb war sammelsüchtig - Museen beklagen Millionenschaden



Basel/Wien (APA/dpa) - Wie ein Häufchen Elend sieht der Federdieb vor Gericht in Basel zwar nicht aus, doch der Mann zeigt Reue. Er entschuldigt sich am Dienstag: für die vielen Male, die er sich mit Lügen Zugang zu Sammlungen seltener Vögel in naturhistorischen Museen verschafft hat, dafür, dass er erst einzelne Federn und später ganze Flügel ausgerupft hat.

Wie ein Suchtkranker, ein Alkoholiker, der von der Flasche wegkam, hört er sich an: Er habe sich damals ein eigenes Weltbild zurechtgezimmert und gar kein Unrechtsbewusstsein gehabt. Seit 2012 mache er eine Psychotherapie. Er sei doch im Grunde ein ehrlicher Mensch.

Wenige Tage vor seinem 45. Geburtstag steht der Bauverwalter vor Gericht: zwei Kinder, nicht vorbestraft, geregelte Arbeit - ein „Durchschnittsschweizer, wie er im Buche steht“, wie sein Anwalt Daniel Borter sagt. Vier Jahre Haft fordert die Staatsanwältin, wegen Sachbeschädigung und Diebstahls. Borter plädiert auf eine Strafe zur Bewährung. Mit ihm steht ein zweiter Mann vor Gericht, der ihm geholfen haben soll.

Der Mann hat sich jahrelang als Experte für seltene Greifvögel an Museen gewandt: Er wolle ein Buch schreiben, Gefiedervariationen vergleichen. Die Ornithologen waren immer beeindruckt von seinem Fachwissen und haben ihn arglos in die Sammlungen gelassen. In seiner Besessenheit wollte der Mann aber nicht schreiben, sondern besitzen: die ungewöhnlichsten Federn, von den seltensten Vögeln. „Sammelsüchtig“, nennt sein Anwalt das. „Er hat hier und da ein bisschen gerupft - ich verniedliche das jetzt mal“, so Borter.

Schon im Alter von zehn Jahren habe er begonnen, Vogelfedern zu sammeln, berichtet er. Wann daraus die Begierde wurde, von jeder Greifvogelart der Welt eine Feder besitzen zu wollen, weiß er nicht mehr. Heute sei ihm die Sammlung, die einst ein so wichtiger Teil seines Lebens war, egal, sagt der Mann.

Zwischen 2005 und 2012 suchte er mindestens sieben Museen heim, darunter in Basel, Stuttgart, Frankfurt, München, Berlin und auch das Naturhistorische Museum in Wien. Andere bestahl er schon früher, aber die Diebstähle verjährten, bevor sie entdeckt wurden. Die Museen haben den Wert des Diebesguts auf fast 400.000 Euro beziffert, die Sachbeschädigung auf 5,5 Millionen Euro. Die Staatsanwältin bemüht einen Vergleich mit einem gestohlenen Picasso-Gemälde, aber im Grunde sind die Experten sich einig: Federn und Flügel haben zwar einen wissenschaftlichen Wert, einen Geldwert zu bestimmen ist aber praktisch unmöglich.

Die Museen haben Konsequenzen bezogen: Wer heute in wissenschaftlichen Sammlungen forschen will, dem fühlen Museumsverantwortliche ganz anders auf den Zahn. Ist er in Fachkreisen als Experte bekannt? Hat er schon etwas zum Thema veröffentlicht? Die Sammlungen werden heute besser überwacht.

Der Federdieb macht den Museen ein Angebot: Er will helfen, die entwendeten Teile dem richtigen Museum wieder zuzuordnen, und seine Sammlung von mehr als 10.000 Federn, alle völlig legal erworben, wie er sagt, die stelle er den Museen als Entschädigung zur Verfügung.




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