Letztes Update am Mi, 05.07.2017 22:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


IS-Doppelmord - Tunesien und der radikale Islam



Tunis (APA) - Mohamed H., der Verdächtige im Fall des Doppelmords an einem Linzer Ehepaar, stammt aus Tunesien. Das im Vergleich zu seinen Nachbarn Algerien und Libyen kleine Land, Österreichern eher als Urlaubsdestination ein Begriff, gilt seit mehreren Jahren als Basis für islamistische Extremisten und Jihadisten.

Nach der Schätzung amerikanischer Denkfabriken kämpfen 6.000 bis 7.000 Tunesier im Ausland auf Seiten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) oder des Terrornetzwerks Al Kaida. In den Jahren nach der Revolution 2011 - Tunesien gilt als Mutterland des Arabischen Frühlings - hätten radikale Prediger relativ freizügig ihre Ideen verbreiten können. Diese seien angesichts einer schlechten wirtschaftlichen Lage und einer kaum vorhandenen religiösen Vorbildung auf fruchtbaren Boden gefallen, zitierte die „Frankfurter Rundschau“ im Februar Alaya Allani, Zeithistoriker und Jihadismus-Experte der Manouba-Universität in Tunis.

Zu diesem Zeitpunkt stand Deutschland noch unter dem Eindruck des Attentats auf den Berliner Weihnachtsmarkt, als der Tunesier Anis Amri mit einem Lkw in die Menge fuhr und zwölf Menschen tötete. Der Angreifer wurde nach seiner Flucht im Großraum Mailand von einem Polizisten erschossen.

Das Berliner Attentat war nicht das erste auf europäischem Boden, das von einem gebürtigen Tunesier verübt wurde. Schon hinter dem Anschlag von Nizza am 14. Juli 2016 stand ein Mann, der aus dem nordafrikanischen Staat stammte. In der südfranzösischen Stadt starben 86 Menschen, als ein Lkw in eine wegen des Nationalfeiertags gesperrte stark bevölkerte Straße fuhr. Der IS bekannte sich zu der Tat, ebenso später in Berlin.

Freilich ist Tunesien selbst Ziel von Anschlägen radikaler Islamisten geworden: Im März 2015 wurden bei einem Überfall auf das Bardo-Museum in Tunis mehr als 20 Touristen getötet, drei Monate später auf dem Gelände eines Hotels bei Sousse 38 Touristen. Beide Male hatte der IS die Verantwortung übernommen. Die Anschläge trafen den Lebensnerv eines der wenigen damals florierenden Wirtschaftszweige des Landes, des Tourismus.

Weniger Resonanz in mitteleuropäischen Medien fand ein Blutbad im selben Jahr, dessen Schauplatz ein tunesischer Ort an der Grenze zu Libyen war: Bei einem Versuch der IS, die Stadt Ben Guerdane einzunehmen, starben mehr als 50 Menschen.




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