Letztes Update am Fr, 07.07.2017 12:42

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Avignon startet mit „Antigone“ in Zen-Version



Avignon (APA/dpa) - Es fließt kein Tropfen Blut, obwohl es um Brudermord und Krieg geht. Der Japaner Satoshi Miyagi hat aus der griechischen Tragödie „Antigone“ weder einen Horrortrip noch einen Terrorakt gemacht. In einer Zen-Buddhismus-Inszenierung, mit der am Donnerstagabend in Avignon das 71. Theaterfestival eröffnet wurde, hat Miyagi auf leise Weise die ganze Ausdruckskraft der Tragödie entfesselt.

„Die Antigone des griechischen Dichters Sophokles war nicht buddhistisch inspiriert, doch in den Dialogen finden sich ähnliche Gedanken wie im japanischen Buddhismus“, sagte Miyaki, der in Asien zu den bedeutendsten Regisseuren gehört. Dazu gehöre vor allem der Wille, alle Menschen zu lieben, ohne sie zu spalten. Und so geht nach den Morden und Selbstmorden das Stück in einer Meditation und einer Versöhnung der Geister zu Ende.

Schweigend gingen die mehr als zwanzig Schauspieler auf der Bühne im riesigen Ehrenhof des Papstpalastes minutenlang durch das Wasser. Dabei vollführten sie eine Vielfalt an stilisierten Gesten. Auch die Musik der Taiko-Trommeln, zentrales Element des japanischen No-Theaters, verstummte.

In der Sophokles-Tragödie geht es um Auflehnung gegen Macht und Gesetz, um die Frage nach Recht und Gerechtigkeit. Miyaki hat mit seiner Zen-Buddhismus-Inszenierung den politischen Stoff auf leise Weise in die Jetztzeit geholt. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Kriege und Attentate dürfe man die Menschen nicht mehr in gut und böse unterteilen, hatte er im Vorfeld der Aufführung erklärt. Auch dürfe man nicht mehr darüber entscheiden, was gut und was böse ist.

Der in Tokio geborene Regisseur hat mit seinem Theater, das Elemente des traditionellen japanischen Schauspiels mit modernen Darstellungsformen vereint, bereits 2014 in Avignon das Publikum in seinen Bann gezogen. Damals stellte er das bedeutende indische Epos „Mahabharata“ vor.

Bis zum 26. Juli stehen über 40 Stücke auf dem Programm, darunter „Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière“ des ehemaligen Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf. Darin geht es um den Konflikt zwischen Künstler und Macht.




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