Letztes Update am Fr, 07.07.2017 13:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bachmann-Preis: Tiefkühl-Tod, Mörder-Wohnung und Kino-Klavier



Klagenfurt/Wien (APA) - Der Österreicher Ferdinand Schmalz brachte am Freitagfrüh mit seinem Text kalte Luft ins heiße Klagenfurt und sorgte dafür, dass die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur neben dem Austro-Amerikaner John Wray, der gestern die Jury begeistert hatte, nun einen zweiten Favoriten haben. Eine mörderische Wohnung und ein Zollfreilager waren weitere Schauplätze der Wettbewerbstexte des Vormittags.

Der bisher vor allem als Dramatiker bekannte Steirer Ferdinand Schmalz, der derzeit an einer „Jedermann“-Neudichtung für das Burgtheater arbeitet, eröffnete mit einer fulminanten Lesung im ORF-Theater Klagenfurt den zweiten Tag des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Zentrum seines Textes „mein lieblingstier heißt winter“ steht ein Herr Schlicht, ein „klimawandelleugner“, der an einem heißen Sommertag in „vom schweiß durchnässter eismannuniform“ tiefgekühltes Fertigessen zustellt. „rehragout“ etwa für Doktor Schauer, der dem Lieferanten in seinem Keller eine ungewöhnliche Eröffnung macht: Er werde in Kürze eine Überdosis Schlaftabletten nehmen und in seine Tiefkühltruhe steigen. Anschließend ersuche er den Tiefkühlprofi um Überstellung seines eingefrorenen Leichnams zur Hubertuswarte, wo er in der Morgensonne langsam auftauen werde. Als Schlicht seinen Auftrag schließlich ausführen will, macht er eine ungewöhnliche Entdeckung in der vermeintlichen Totentruhe: „darin nur nichts. kein kalter schauer. nur kalte luft, die ihm entgegenstürzt.“

Die Jury zog vor dem mit Hut aufgetretenen Autor, der mit bürgerlichem Namen Matthias Schweiger heißt, den Hut und zeigte dem auch mit performativen Qualitäten überzeugenden 31-Jährigen keine kalte Schulter. Hildegard Keller lobte: „Herr Schmalz ist eine Figur, und er kann glänzend Figuren erschaffen.“ - „Ein echter Showman“, fand Meike Feßmann und ortete „performative Qualität“. Sandra Kegel, die Schmalz eingeladen hat, sah „eine Schauergeschichte“, die „gammelige Erhabenheit“ habe: „Ich würde sagen, dass dieser Text makellos ist.“ Auch Klaus Kastberger sah einen „perfekter Text“ und ortete Nähe zu Ödön von Horvath und Johann Nestroy. Hubert Winkels und Stefan Gmünder hoben das gelungene Zusammenspiel von Hitze und Kälte in einem „Text, der rockt“ (Gmünder). Einzig Michael Wiederstein zeigte sich durch „überbordendes literarisches Kalauern“ irritiert.

Barbi Markovic, 1980 in Belgrad geboren und seit 2006 in Wien wohnhaft, hatte mit ihrem auch bereits dramatisierten Roman „Superheldinnen“ im Vorjahr einen Erfolg gelandet. Ihren Text „Die Mieter“ eröffnete die bei ihrer Lesung immer wieder von Hustenreiz geplagte Autorin mit einem Coup: „Gerhard entdeckte die Leichen seiner Mieter am Donnerstag.“ Der Vermieter verfolgt normalerweise über eine in den Gängen installierte Video-Überwachungsanlage „die Leben seiner Mieter wie eine Reality-Serie“, „aber auf den Überwachungsvideos vom Todestag ist nichts Verdächtiges zu sehen“. Am Ende zeigt die Wohnung ein mörderisches Eigenleben. Zwei überlebende Schwestern werden von ihr buchstäblich verschluckt, weil sie an der Wohnung etwas verändern wollen. „Gerhard wird bald neue Mieter suchen müssen.“

Die Jury fand interessante Aspekte, zeigte sich aber nicht vollständig überzeugt. Hubert Winkels sah „eine parabolische Bahn mit imaginärer Bedeutung“, die jedoch viel zu viele Interpretationsräume öffne. Meike Feßmann fand es „gut, dass man Ironie und Ernst nicht auseinanderhalten kann“, doch „die Gags verbrauchen sich“. Stefan Gmünder ortete „einen Schwebezustand der Uneindeutigkeit“ und fand den Text „mit der Zeit ein bisschen zu redundant“. Michael Wiederstein konnte „damit wenig anfangen“: „Ich habe mich gelangweilt.“ Einzig Klaus Kastberger, der Markovic eingeladen hatte, warf sich für seine Autorin vehement in die Bresche und ortete bei den Jury-Kollegen „Blindheit der Interpretation“.

Die 34-jährige Wiener Medienkünstlerin Verena Dürr, Teil des „Poesiepop“-Duos Bis eine Heult, beschäftigt sich in ihrem anspielungsreichen Text „Memorabilia“ mit dem „anderen Klavier“ aus „Casablanca“, auf dem in dem Kino-Klassiker nicht in Ricks Bar, sondern in der kürzeren, sogenannten „Pariser Flashbackszene“ der berühmte Song „As Time Goes By“ gespielt wird. Das Musikinstrument wird in einem Zollfreilager „in einem Kleinstaat mit hoher Millionärsdichte“ aufbewahrt und von einem Restaurator aufgesucht. Auch eine reiche „Kunst-und Filmliebhaberin“, der bereits das andere, bekanntere Klavier aus „Casablanca“ gehört, und ein Kunsthändler finden sich ein.

Dürr überzeugte einige Juroren. Hubert Winkels fand es „grandios, wie der Text es schafft, so tonlos zu erzählen“: „Es ist reine Konzeptkunst, und ich weiß nicht, was dagegen spricht“. Hildegard Keller fand den Text „ganz außerordentlich eigen. Er hat eine eigene Stimme“ und sei „äußerst raffiniert gemacht“: Man weiß nicht, ist es eine literarische Reportage vom Feinsten oder ist das eine Parabel?“ Klaus Kastberger, der Dürr eingeladen hatte, lobte „einfache Mittel und einfache Strategie“, und Stefan Gmünder sah „einen sehr eleganten, sehr schönen Text“, der „vielleicht etwas zu cerebral“ sei. Eine entschiedene Gegnerin war Meike Feßmann. Der Text arrangiert das Setting, füge diesem aber nichts hinzu: „Er hat keine eigene Stimme und keinen Eigensinn.“

Nach der Mittagspause beschließen Jackie Thomae und Jörg-Uwe Albig mit ihren Arbeiten den zweiten Lese-Tag in Klagenfurt.

(S E R V I C E - http://bachmannpreis.orf.at)

~ WEB http://orf.at ~ APA303 2017-07-07/13:03




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