Letztes Update am Fr, 07.07.2017 16:42

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


G-20 - Proteste in Hamburg: „Eine Schneise der Verwüstung“



Hamburg (APA/AFP) - Die Hölle kündigt die linksextreme Szene an - und sie hält Wort: Der mit so großem Aufwand vorbereitete Gipfel der G-20-Staaten in Hamburg wird gleich zu Beginn von militanter Straßengewalt und Massenprotesten überschattet. Mehr als ein Jahr lang bereiteten sich die Sicherheitskräfte in der Hansestadt akribisch auf den größten Einsatz ihrer Geschichte vor. Am Ende aber reicht all das nicht aus.

Mindestens 19.000 Polizisten zogen sie aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen. Nach einer Nacht der brennenden Autos und Barrikaden herrscht in der Hansestadt am Freitag weiter der Ausnahmezustand. Es scheint sogar nicht ausgeschlossen, dass die Situation vollends außer Kontrolle gerät. Längst geht es nicht mehr um Sachbeschädigungen und Flaschenwürfe. Die Polizei meldet Attacken mit Eisenstangen und Molotowcocktails, außerdem Verletzte durch Steinschleudern.

Während das permanente Dröhnen der Polizeihubschrauber die Luft erfüllt und Sitzblockaden von Gipfelgegnern den eng getakteten Zeitplan der G-20-Delegationen durcheinanderwirbeln, fordert die Polizeiführung weitere Beamte aus anderen Bundesländern an. Einige zusätzliche Hundertschaften seien inzwischen unterwegs, gibt Innensenator Andy Grote (SPD) an.

„Es gibt immer noch zusätzliche Alarmierungsstufen, die sind jetzt ausgelöst worden“, ergänzt er. Die schleswig-holsteinische Polizei schickt am Freitag umgehend weitere 200 Beamte in die Hansestadt - und nimmt dabei nach eigenen Angaben sogar in Kauf, die Öffnungszeiten „einzelner Dienststellen“ in ihrem Bundesland vorübergehend einzuschränken. Die Lage scheint sehr ernst zu sein.

Indes verlaufen längst nicht alle Proteste in Hamburg gewaltsam. Die Stimmung bei den Straßenblockaden im Bereich der Alster, wo US-Präsident Donald Trump samt Gefolge wohnt, ist recht friedlich. Viele junge Leute nehmen daran teil. Sie wollen gegen den G-20-Gipfel protestieren und ein Zeichen setzen. Gewalt gegen Polizisten allerdings lehnen sie ab, wie sie sagen.

Auch Anrainer des feineren Viertels wie der 53-jährige Benjamin Laub betonen den friedlichen Charakter der G-20-Proteste dort. Wie viele andere Hamburger stimmt ihn in diesen Tagen zugleich die immense Präsenz von Einsatzkräften in sämtlichen Bereichen der Hansestadt nachdenklich. Er fange ein wenig an zu verstehen, wie sich ein Leben in einer „wirklichen Konfliktzone“ anfühlen müsse.

Rund 5000 Aktivisten sind es am Ende, die sich nach Angaben der Initiative Block G-20 an Blockaden auf sogenannten Protokollstrecken beteiligen, für die Demonstrationsverbote gelten und die eigentlich frei bleiben sollen. „Einige G-20-Delegationen mussten umkehren und konnten den Gipfelort nur über große Umwege erreichen“, freut sich Sprecherin Jana Schneider. „Damit haben wir erfolgreich Sand ins Getriebe des Gipfels gestreut.“ Andere Proteste verlaufen völlig unauffällig.

Aber es sind vor allem die Bilder von durch die nächtliche Stadt hetzenden Wasserwerfern und Polizeiketten, brennenden Autos, mit Holzplatten vernagelten Geschäften und durch die Straßen ziehenden Vermummtengruppen, die nun für den G-20-Gipfel in Hamburg stehen.

Ganz so wie die internationalen Gipfeltreffen von Seattle 1999 oder Genua 2001 bis heute als abschreckende Beispiele für das dabei mögliche Gewaltpotenzial gelten, wird dies künftig auch für Hamburg gelten. 159 verletzte Polizisten gibt es dort bereits - und den Einsatzkräften stehen weitere lange und heiße Stunden bevor.

Angesichts der Szenen von nackter Gewalt und Zerstörungswut zeigt sich auch Innensenator Grote entgeistert. Straftäter hätten „eine Schneise der Verwüstung“ durch Teile der Stadt gezogen. „Das Maß an krimineller Energie und Gewalttätigkeit muss uns erschrecken.“ Von einer Überforderung der Einsatzkräfte aber will er am Freitag nichts hören. „Wir haben die Lage unter Kontrolle“, sagt der Senator.




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