Letztes Update am Sa, 08.07.2017 09:45

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anarchie im Hamburger Schanzenviertel überschattet G-20-Gipfel



Hamburg (APA/dpa) - Am Morgen danach werden die Spuren der Gewalt sichtbar. Geplünderte Geschäfte, herausgerissene Steine, überall Scherben - die zentrale Straße Schulterblatt im Hamburger Schanzenviertel gleicht einem Trümmerfeld. Mehrere Stunden lang tobte hier ein Mob während des G-20-Gipfels.

„Das ist wie ein Kriegsgebiet, das ist einfach nur Wahnsinn“, sagt Daniel Krohn erschüttert, als er sich im Schulterblatt die Spuren der Zerstörung ansieht. Der 42-Jährige lebt im links geprägten Schanzenviertel und ist von den 1.-Mai-Demos Krawalle vor dem von Autonomen besetzten Kulturzentrum „Rote Flora“ eigentlich gewöhnt. Aber die Orgie purer Gewalt, die zuvor über Stunden die Straße zu einer rechtsfreien Zone machte, kann er einfach nicht begreifen: „Das Level der Gewalt will nicht in meinen Kopf gehen.“

Wie ihm geht es vielen Anrainern, die sich in der Früh nach den schwersten Ausschreitungen in Hamburg seit Jahrzehnten die Schneise der Verwüstung ansehen. Geschäfte im Schulterblatt sind geplündert, überall liegen herausgerissene Pflastersteine und Scherben, letzte kleine Flammen schlagen aus den von Linksautonomen in Brand gesteckten Barrikaden aus Mistkübeln, Fahrrädern und Gerüstplatten.

„Das ist eine Schweinerei und hat nichts mit G-20 zu tun“, sagt Anrainerin Mareike (31), die die Nacht bei Freunden verbracht hat. Die Lage im Schulterblatt war ihr zu heiß: „Ich will gucken, ob bei mir zuhause alles in Ordnung ist.“

In einem sind sich die Bewohner des Schanzenviertels einig: den Gipfel in ihre Stadt zu holen, war ein Fehler. „So denkt die ganze Bevölkerung“, sagte Anrainer Horst (73). Er beobachtet vor seinem Stammbäcker mit einem Kaffee in der Hand, wie die Stadtreinigung mit einer Baggerschaufel den Unrat entfernt. Die Krawalle seien vorprogrammiert gewesen, sagt Horst.

Besonders schlimm hat es im Schulterblatt - dort war das Zentrum des Gewaltexzesses des linken Mobs - auch eine Filiale der Drogeriekette Budnikowsky erwischt. Budnikowsky-Chef Cord Wöhlke ist fassungslos, als er über Scherben und zerstörte Waren läuft und das Ausmaß der Schäden begutachtet. „Ich habe so etwas noch nicht erlebt. (...) Das ist auch eine Tragödie für Hamburg“, sagt Wöhlke und ist sicher: „Diese Bilder bleiben von G-20 übrig (...) und verdrängen alles andere.“

In der Nacht zuvor spielten sich in der ganzen Straße schockierende Szenen ab. Immer wieder brennen Barrikaden, Autonome zerschlagen Fensterscheiben mit Pflastersteinen, brechen in Geschäfte ein. Sie plündern die Geschäfte, tragen alles raus, zerfetzen das Mobiliar, um es unter dem Jubel Schaulustiger auf der Straße ins Feuer zu werfen. Es brennt lichterloh. Während des G-20-Treffens der führenden Wirtschaftsmächte lassen gewalttätige Demonstranten ihre Wut aus.

Grässliche Bilder aus dem „Tor der Welt“ gehen um die Welt. Es ist bereits die zweite Krawallnacht in Folge. Aber die Heftigkeit dieses Abends ist besonders. Drei Stunden lang herrscht der Mob. Die kleinen Geschäfte in der Straße werden nicht angegriffen, nur die großen Ketten. Unter der Bahnbrücke wird eine Gruppe Polizisten eingekesselt von den Autonomen, sie sind lange auf sich allein gestellt.

Polizisten sperren die Straße Schulterblatt ab, Hundertschaft um Hundertschaft marschiert hinein. Und auch etliche Spezialkräfte. Stundenlang kreisen Hubschrauber mit Suchscheinwerfern über dem Viertel.

Die Nerven liegen zum Teil blank. An einem Fußübergang schreit eine Frau einen Polizisten an, weil der sie nicht über die Straße gehen lassen will. Hinter ihm passiert ein Mannschaftswagen nach dem anderen die Stelle. „Ihr habt gar nichts im Griff“, pöbelt die Frau. „Das kotzt mich an.“ Der Polizist kontert: „Willst du überfahren werden?“

Ein paar hundert Meter weiter zerschlagen Autonome auf dem Schulterblatt den Asphalt mit Hämmern, um an Wurfgeschoße zu kommen. Als sie Blumenkübel für Barrikaden auf die Straße ziehen, wird es einer Anrainerin zu viel: „Ihr seid so scheiße! Ihr seid so scheiße!“, brüllt sie ihnen entgegen.

Gut drei Stunden lang räumt die Polizei nach den Gewaltexzessen auf. Pfefferspray fliegt in die Menge, der Mob zerstreut sich. Aus dem ersten Stock wirft ein älterer Mann den Autonomen Wasserflaschen herunter, damit sie sich die Augen ausspülen können.

Noch am 23. Juni hatte sich Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) überzeugt gezeigt, dass grässliche Bilder von Gewaltexzessen verhindert werden können. „Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.“ Die Hamburger Polizei zeigt sich schockiert über die Krawalle am Rande des G-20-Gipfels. „Wir haben noch nie so ein Ausmaß an Hass und Gewalt erlebt“, sagt Sprecher Timo Zill bei „Bild Daily Spezial“.

Die Krawalle waren an diesem ersten Tag des G-20-Treffens aber lediglich der Schlussakt nach einem Tag voller anarchischer Szenen.

Nach morgendlichen friedlichen Protesten im Hafen sammeln sich am Nachmittag tausende G-20-Gegner am Millerntorplatz. Das Ziel der Demonstranten ist klar: Alle wollen zur Elbphilharmonie, wo sich am Abend die Staats- und Regierungschefs zu einem klassischen Konzert einfinden werden. Als sie losmarschieren, eilt auch die Polizei zu den Landungsbrücken und schneidet den nach Veranstalterangaben 5.000 Demonstranten den Weg ab. Bevor sie runter zur Elbe gehen, werfen einige Vermummte noch schnell Steine auf eine Hotelfront.

Die Elbphilharmonie scheint in Reichweite. An den Landungsbrücken kommt es zu Auseinandersetzungen. Böller krachen. Die Polizei drängt die Demonstranten zurück. Auf der Elbe versuchen Aktivisten von Greenpeace, mit Booten in die Sicherheitszone einzudringen. Es bleibt aber klar: In diese Zone kommt kein Demonstrant. Während in der Elbphilharmonie Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ erklingt, gehen draußen die Krawalle weiter.




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