Letztes Update am Sa, 08.07.2017 10:12

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aufräumen nach weiterer Krawallnacht rund um G-20-Gipfel



Hamburg (APA/dpa) - Nach der heftigen Krawallnacht rund um den G-20-Gipfel haben in Hamburg die Aufräumarbeiten begonnen.

Eine Hundertschaft der Polizei zog am Samstag in der Früh umgekippte Straßenschilder und Bierbänke von der verwüsteten Straße Schulterblatt im links-alternativen Schanzenviertel. Die Hamburger Stadtreinigung war seit 6.00 Uhr in der Schanze und St. Pauli mit 60 Mitarbeitern, einem Radlader und Großkehrmaschinen im Einsatz, wie sie twitterte.

Randalierer hatten im Schanzenviertel eine Spur der Verwüstung hinterlassen: Zerstörte Fahrräder, Mülltonnen, Steine und Trümmer lagen auf der Straße, Fensterscheiben waren eingeschlagen. Es roch nach verbranntem Plastik. Auf dem Rollladen eines Geschäfts stand „Chaostage Hamburg“.

Bei den gewaltsamen Protesten sind nach Angaben der Hamburger Polizei bisher 213 Beamte verletzt worden (Stand: Samstag, 9.00 Uhr). Die Zahl der verletzten Polizisten werde aller Voraussicht nach allerdings noch steigen, weil sich manche erfahrungsgemäß erst später meldeten, erklärte ein Polizeisprecher am Samstagmorgen.

In der Krawallnacht zum Samstag seien 14 Menschen festgenommen und 63 in Gewahrsam genommen worden, hieß es. Allein bei der Erstürmung eines Hauses am Beginn der Straße Schulterblatt nahm die Polizei 13 Menschen fest. Zuvor waren Randalierer ein Gerüst hinaufgeklettert, das an dem Haus befestigt ist. Seit Beginn des Polizeieinsatzes am 22. Juni wurden den Polizeiangaben zufolge bisher insgesamt 114 Menschen fest- und 89 in Gewahrsam genommen. Zur Zahl der verletzten Demonstranten konnten weder Polizei noch Feuerwehr Angaben machen.

Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz äußerte sich sehr besorgt über die massiven Ausschreitungen in seiner Stadt und forderte gewalttätige Demonstranten zum sofortigen Rückzug auf. „Ich appelliere an die Gewalttäter, mit ihrem Tun aufzuhören und sich zurückzuziehen und die Gewalttaten nicht mehr zu verüben, sondern ein friedliches Miteinander in dieser Stadt weiterhin möglich zu machen. Das hat das weltoffene Hamburg, das hat auch die demokratische Bundesrepublik Deutschland sehr verdient“, sagte der SPD-Politiker in einer Fernseherklärung am Freitagabend.

„Ich bin sehr besorgt über die Zerstörungen, die stattgefunden haben. Ich bin bedrückt über das, was viele zu ertragen haben, die die Gewalt unmittelbar erlebt haben, in dem zum Beispiel ihre Fahrzeuge oder ihr Eigentum zerstört worden ist oder sie eben gesehen haben, mit welcher Brutalität auch gegen Polizistinnen und Polizisten vorgegangen wird“, sagte der SPD-Politiker.

Scholz verteidigte trotz der Ausschreitungen die Wahl des Gipfelortes: Es sei gut, dass die Gespräche in einem demokratischen Land und einer weltoffenen Stadt wie Hamburg stattfänden. „Es gibt eine kritische Weltöffentlichkeit, die zum G-20-Gipfel dazugehört. Unvertretbar ist, wenn Gewalt angewandt wird: Gegen Sachen, gegen Personen, wenn blinde Zerstörungswut und Vandalismus dazu beitragen, dass die eigentlich notwendige internationale Kooperation darunter leiden könnte.“ Er bedankte sich ausdrücklich bei den vielen Tausend Polizeikräften: „Das sind wirklich großartige Leute, sie sind in einem heldenhaften Einsatz unterwegs.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn bezeichnete die militanten Demonstranten als „Linksfaschisten“. Das CDU-Präsidiumsmitglied übte auf seiner Facebook-Seite zugleich Kritik an der aus seiner Sicht zu unkritischen Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks über die Ausschreitungen. Wolfgang Bosbach, ein weiterer CDU-Abgeordneter sprach von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“. „Verantwortlich sind jene, die viel zu oft verharmlosend ‚Aktivisten‘ genannt werden und die unter dem Vorwand eines politischen Engagements ihrer kriminellen Energie freien Lauf lassen“, sagte er. „Gleichzeitig leisten sie dabei den Anliegen der vielen friedlichen Demonstranten einen Bärendienst.“

Die Proteste waren am späten Freitagabend eskaliert. Zunächst konnten Randalierer mehrere Stunden lang in der Straße Schulterblatt frei gewähren. Ein Geschäft einer Drogeriekette und ein Supermarkt wurden geplündert. Danach ging die Polizei mit einem massiven Aufgebot und Spezialkräften gegen mehrere hundert Randalierer vor. Mit gepanzerten Fahrzeugen wurden brennende Barrikaden weggeschoben. Wasserwerfer waren im Einsatz. Die Polizei sprühte auch Tränengas. Im Laufe der Nacht beruhigte sich die Lage. Vereinzelt kam es in den frühen Morgenstunden noch zu Flaschenwürfen auf Polizeifahrzeuge. „G-20: Eine solche Nacht darf sich in unserem Rechtsstaat nicht wiederholen!“, twitterte die Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Nach dem Ende der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Randalierern und der Polizei entspannte sich auch die Lage im öffentlichen Nahverkehr. Alle S-Bahn-Linien fuhren wieder, auch die zeitweilig unterbrochene U-Bahn-Linie 3 nahm den Verkehr wieder auf. Zuvor war bereits der am Freitagabend unterbrochene Fernverkehr am Hauptbahnhof und am Bahnhof Altona wieder aufgenommen worden.

In Hamburg werden am Samstag nach zwei von Gewalt geprägten Tagen weitere Ausschreitungen nicht ausgeschlossen. Zum Abschluss des G-20-Gipfels sind noch einmal mehrere große Kundgebungen geplant. Die Initiative „Hamburg zeigt Haltung“ erwartet 20.000 bis 30.000 Demonstranten bei ihrer Veranstaltung (12.00 Uhr), die am Hafenrand entlang bis zum Fischmarkt führen wird. Hinter „Hamburg zeigt Haltung“ steht ein breites Bündnis von Kirchen und Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, SPD, Grünen und Künstlern.

Schon zuvor beginnt die Demonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ (11.00 Uhr), die sich vor allem gegen Armut, Krieg und die Ursachen von Flucht richtet. Zu dieser Veranstaltung, die am späteren Nachmittag (16.00 bis 18.00 Uhr) am Millerntorplatz enden soll, werden bis zu 100.000 Teilnehmer erwartet. Sie wird vor allem von linken Gruppen und Friedensinitiativen unterstützt.




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