Letztes Update am So, 08.10.2017 07:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lesbische Aktivistin: Wir kämpfen auf dem Balkan für Existenzrecht



Wien (APA) - Die mazedonische Aktivistin für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT), Biljana Ginova, hat im APA-Interview am Freitag deren schwierige Situation auf dem Balkan illustriert. In Mazedonien habe die „Regierung die Homophobie gefördert“, so Ginova, die sich im Rahmen der europäischen Lesbenkonferenz in Wien befand.

Ginova ist Co-Vorsitzende der Gesellschaft für LGBTI-Gleichberechtigung (ERA), die auf dem Balkan und in der Türkei aktiv ist. Besonders in der Türkei sei die Situation für Lesben schwierig. „Die LGBT-Gemeinschaft ist konstant bedroht, die geheimen Büros müssen oft gewechselt werden“, erzählte Ginova. „Nachdem (der türkische Präsident Recep Tayyip) Erdogan an die Macht kam, hat sich die Situation langsam verschlimmert“, fuhr sie fort und berichtete, dass die letzten drei Pride-Parades verboten und gewaltsam niedergeschlagen worden seien. „Es handelt sich um eine direkte Menschenrechtsverletzung durch die türkische Regierung“, betonte Ginova.

Im Gegensatz zu Österreich kämpfe man auf dem Balkan nicht um höhere Akzeptanz der LGBT-Gemeinschaft, sondern um „das Grundrecht zu leben“, erläuterte die Aktivistin. Dort berücksichtigten die Diskriminierungsgesetze nicht die sexuelle Identität und Ausrichtung. In Mazedonien sei das LGBT-Zentrum „sechsmal angegriffen“ worden, keine der Attacken sei bisher aufgeklärt. Laut Ginova schaukelt sich die Homophobie in Regierung, Polizei und Gesellschaft auf dem Balkan gegenseitig hoch. Zudem habe es bis in die neunziger Jahre Gesetze gegen männliche Homosexualität gegeben. „Weibliche Homosexualität wurde gar nicht anerkannt“, so Ginova. Aus diesem Grund seien Lesben in der Gesellschaft offiziell „nicht existent“ gewesen. „Wenn du nicht existierst, hast du keine Rechte“, erklärte sie.

Unter der neuen sozialdemokratischen Regierung in Mazedonien von Ministerpräsident Zoran Zaev hofft die Aktivistin jedoch auf eine Verbesserung für die LGBT-Gemeinschaft. „Viele LGBT-Aktivisten haben sich an den Protesten gegen die frühere Regierung beteiligt, wir waren also öffentlich vertreten“, erklärte Ginova. Ein Parlamentsmitglied habe nun sogar die gleichgeschlechtliche Ehe vorgeschlagen, ohne sich davor mit den LGBT-Organisationen abgesprochen zu haben. „Der Premierminister meinte, dass alle Menschen in Mazedonien vor dem Gesetz gleich seien müssen“, fuhr sie fort. Auf dessen Einladung hätten LGBT-Aktivisten als Experten an den Verhandlungen teilgenommen, das Diskriminierungsgesetz zu ändern. „Wir hoffen, dass aus Hass verübte Straftaten gegen sexuelle Minderheiten per Gesetz anerkannt werden“, sagte Ginova. „So muss die Polizei mehr gegen solche Straftaten unternehmen, außerdem werden die Strafen für die Täter höher“, fügte sie hinzu.

Die Spitzenkandidatur der bekennend lesbischen Alice Weidel für die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ bei der deutschen Bundestagswahl bewertet Ginova als Versuch der Rechten, sich liberal zu präsentieren. Die Aktivistin verwies auf die serbische Premierministerin Ana Brnabic, die ebenfalls offen lesbisch sei, aber die problematische Situation der LGBT-Gemeinschaft in Serbien leugne. „Diese Frauen werden sowohl als Frau als auch als Lesbe instrumentalisiert, um Weltoffenheit vorzutäuschen“, vermutete Ginova. „Doch genau diese Menschen werden Gesetze erlassen, die die Gewalt gegen uns verstärken“, fuhr sie fort.

Durch die Europäische Lesbenkonferenz, die bis Sonntag in Wien stattfindet, sollen Lesben in der Gesellschaft besser wahrgenommen werden. „Früher wurden beinahe nur Schwule als Homosexuelle wahrgenommen. Wir wollen uns selbst vorstellen“, erklärte Ginova. Laut der Aktivistin schließt dies auch alle Untergruppen mit ein, die sich nicht nur über die sexuelle Orientierung, sondern auch über ethnische, religiöse und soziale Herkunft definieren, wie lesbische Roma-Frauen. „Sie können sich nun alle im Rahmen dieser Konferenz artikulieren, niemand muss mehr für eine andere Gruppe sprechen“, betonte sie.




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