Letztes Update am So, 08.10.2017 09:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kosmos Theater - Klein: „Will Rest meines Lebens anders verbringen“



Wien (APA) - Die Gründerin und langjährige Leiterin des Wiener Kosmos Theaters, Barbara Klein (63), geht im kommenden Frühjahr in Pension. Mit der APA sprach die Chefin des auf Genderthemen ausgerichteten Hauses über den Ablöseprozess, ihre an Wünsche an eine künftige Kulturpolitik und ihre Abschiedsproduktion „Good Morning, Boy and Girls“ von Juli Zeh, die am 11. Oktober Premiere feiert.

APA: In einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass Sie dann gehen, wenn Sie spüren, dass die Entwicklung am Kosmos Theater stagniert. War das nun der Auslöser für Ihr Ausscheiden?

Barbara Klein: Ganz im Gegenteil. Wenn ich darauf gewartet hätte, hätte ich in 20 Jahren nicht aufhören können. Aber es ist der Zeitpunkt gekommen, wo das Jüngere machen sollten. Es gibt ja verschiedene Feminismen, da sollte jetzt einmal jemand anderer ans Werk.

APA: Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Sie sich für Ihren Rückzug entschieden haben?

Klein: Das war eine langsame Entwicklung. Die Entscheidung hat auch viel mit der Situation zu tun, dass ich kaufmännische und künstlerische Leiterin zugleich bin. Und das ist bei Bühnen dieser Größe nicht mehr machbar. Im Zuge des Ablöseprozesses, bei dem uns ein Coach begleitet hat, musste ich aufschreiben, was ich wann mache. Da bin ich mit allem Drum und Dran auf bis zu 80 Stunden pro Woche gekommen. Da hat man null Freizeit.

APA: Wäre es Option für Sie gewesen, sich einfach eine kaufmännische Leitung dazuzuholen und die künstlerischen Agenden zu behalten?

Klein: Nein. Ich bin jetzt 63 Jahre alt, ich will den Rest meines Lebens anders verbringen. Es muss nicht immer nur Theater sein. Jetzt kommt die Natur dran, das Reisen.

APA: Wie stark begleiten Sie den Prozess der Nachfolgefindung?

Klein: Wir bereiten das seit einem Jahr vor, haben eine Kriterienkatalog entwickelt, eine öffentliche Ausschreibung gemacht, eine Vorauswahl getroffen und jetzt stehen wir vor den Interviews, die mit einem Expertinnengremium geführt werden. Ich habe in diesem Prozess nur eine beratende Funktion. Die Bewerbungen wurden im Auswahlprozess geschwärzt, um für Objektivität zu sorgen. Alles lief transparent ab, wir werden das Prozedere dann auch auf unserer Website veröffentlichen.

APA: Wie geht es mit dem Verein weiter? Welche Funktionen legen Sie zurück?

Klein: Ich bleibe einfaches Vereinsmitglied. Das Arbeitsverhältnis als Geschäftsführerin wird beendet.

APA: Wie geht es jetzt weiter?

Klein: Ich gehe mit 1. April 2018 in Pension. Ab 30. Oktober 2017 haben die Nachfolgerinnen Zeit, im Haus zu sein und mit ihren Planungen zu beginnen. Im Herbst 2018 werden sie nach einer verlängerten Sommerpause wiedereröffnen.

APA: Wenn Sie zurückblicken: Wie hat sich die Theaterszene in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Klein: Für mich ist sie sehr eventlastig geworden. Das hat auch möglicherweise Vorteile, aber ich bin nicht ganz davon überzeugt. Man kann zwar mehr in kürzerer Zeit sehen, aber ich halte das für ganz schlecht für die Künstlerinnen. Produktionen länger zu spielen bietet die Möglichkeit, sich zu entwickeln und am Feedback des Publikums zu lernen.

APA: Wie sehen Sie die Entwicklungen in der Förderlandschaft?

Klein: Kürzungen, Kürzungen, Kürzungen. Wenn wir fünf Jahre von der Stadt und neun Jahre vom Bund dieselbe Förderung bekommen, ist das natürlich eine schleichende Kürzung.

APA: Welche Mittel hat die Szene, um gegen diese Umstände zu protestieren? Wäre ein Streik der Off-Szene denkbar?

Klein: Ich glaube nicht an Streiks. Dafür sind wir innerhalb der Szene in zu verschiedenen Welten daheim. Nicht alle haben politisch denselben Ansatz. Aber es gibt viele Möglichkeiten. Ich gehe halt mit meinem Jausensackerl und zehn anderen Frauen in ein Stadtratbüro und gehe nicht mehr weg, bis man mit uns gesprochen hat.

APA: Was wären die Wünsche an die Kulturpolitik einer künftigen Regierung?

Klein: Eine Kunstministerin (oder ein Minister, wenn es sein muss), die sonst keine anderen Aufgaben hat. Keine Schulen dazu, keine Wissenschaft, sondern wirklich einmal das, wofür dieses Land berühmt und bekannt ist: Kunst und Kultur.

APA: In Wien gibt es derzeit viele Frauen an der Spitze großer Häuser, etwa Anna Badora am Volkstheater, Sabine Haag am KHM oder Karin Bergmann an der Burg. Wo sind die Sparten, wo der Frauenanteil im Argen liegt?

Klein: Wir haben in Wien noch nie eine Operndirektorin gehabt, es gibt seit gefühlt 100 Jahren keine Festwochen-Intendantin mehr. Was das Dirigat und die Komposition betrifft, ist es ganz arg. Das geben zwar alle Fördergeber zu, aber es ändert sich nicht.

APA: In Ihrer Abschiedsinszenierung „Good Morning, Boys and Girls“ von Juli Zeh widmen Sie sich den so genannten School Shootings. Wieso haben Sie sich das Stück ausgesucht?

Klein: Ich habe 2008 den Roman „We need to talk about Kevin“ von Lionel Shriver gelesen. Und das war in meinem Leben das einzige Buch, das ich nach 700 Seiten auf der letzten Seite aufgehört und gleich auf der ersten wieder angefangen habe. Das wollte ich eigentlich auf die Bühne bringen, obwohl ich niemand bin, der gerne Romane dramatisiert. Aber ich halte das Thema für so wichtig. Das sieht man jetzt auch beim IS. Das sind die gleichen Probleme und Störungen, die die vorrangig jungen Männer haben. Leider habe ich die Rechte für das Buch wegen des Films nicht bekommen. Dann ist mir das Stück von Juli Zeh in die Hände gefallen. Es ist ein schwieriges Stück mit Zeit- und Ortsprüngen. Aber die Choreografin und ich haben einen Stil entwickelt, der sich genau dafür bestens eignet. Er führt weg vom Naturalismus und entwickelt sich durch Körpersprache.

APA: Was kann man den jungen Burschen als Alternative anbieten?

Klein: Genau das macht Juli Zeh nicht. Sie gibt kein Rezept, zeigt aber auf, was den Burschen nicht angeboten wird. Wo grammweise die Gefahren liegen: In der Gewalt rund um uns, den Videospielen, den Schwierigkeiten zwischen den Geschlechtern, der nicht mehr vorhandenen Erziehung. Diese jungen Leute haben keinen Halt. Schuld ist natürlich auch der unglaubliche Neoliberalismus, der diktiert, was man alles besitzen muss.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - „Good Morning, Boys and Girls“ von Juli Zeh im Kosmos Theater. Österreichische Erstaufführung. Regie: Barbara Klein. Termine: 11.10. bis 28.10., Mi bis Sa, jeweils um 20 Uhr. Infos und Tickets unter www.kosmostheater.at)

(B I L D A V I S O - Fotos von Barbara Klein sowie der Produktion „Good Morning, Boys and Girls“ stehen unter http://www.kosmostheater.at/cgi-bin/page.pl?id=225 zum Download bereit.)




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