Letztes Update am So, 08.10.2017 14:40

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Demo - Unabhängigkeitsgegner: „Wir sind Spanier, wir sind Katalanen“



Barcelona/Madrid (APA) - „Wir sind Spanier, wir sind Katalanen“, hallen die Sprechchöre am Sonntag durch die Via Laietana im Zentrum von Barcelona. Hunderttausende Menschen protestierten eine Woche nach dem illegalen Unabhängigkeitsreferendum gegen den Abspaltungsprozess der separatistischen Regionalregierung von Spanien.

Julia, eine 25-jährige Studentin, hat sich das Gesicht mit einer spanischen Flagge bemalt. Ihr Freund Jaime trägt ein Plakat mit der Aufschrift „Ich bin stolz, Katalane und Spanier zu sein“. Hinter ihm reicht das Meer aus spanischen und katalanischen Flaggen bis zum Horizont. Es waren aber keine Esteladas, Kataloniens Unabhängigkeitsflaggen mit dem blauen Dreieck und dem weißen Stern, wie sie hier Anfang letzter Woche auf der selben Hauptstraße noch Zigtausende trugen, sondern Senyeras, die offizielle Flagge eines in Spanien integrierten Kataloniens.

„Wir zeigen heute Katalonien und ganz Spanien, dass wir eine Mehrheit sind, die gegen die Unabhängigkeit ist“, versichert Julia und setzt wieder in die Sprechchöre ein. „Puigdemont, ab in den Knast“ rufen die Demonstranten. Damit ist Kataloniens Ministerpräsident Carles Puigdemont gemeint, der mit seiner separatistischen Regionalregierung die Loslösung der Region von Spanien erzwingen will. Am 1. Oktober ließ er den Volksentscheid gegen den Willen Madrids und trotz des Verbots durch das spanische Verfassungsgericht durchführen. 90 Prozent stimmten für die Unabhängigkeit. Doch lag die Wahlbeteiligung nur bei 42 Prozent. Laut Umfragen dürften die Separatisten in Katalonien mit maximal 45 Prozent tatsächlich keine Mehrheit darstellen.

„Diese Demonstration kann aber nicht zeigen, ob die Unabhängigkeitsgegner wirklich in der Mehrheit sind. Doch dank der undemokratischen und verfassungswidrigen Politik Puigdemonts, der bereit ist, geltendes Recht zu brechen, um seinen politischen Traum umzusetzen, haben die Menschen ihre Angst verloren, die Fahnen ihres Landes, Spaniens, zu zeigen. Diese Demo ist der Beweis“, versicherte Esperanza Aguirre im Gespräch mit der APA während des Protestmarsches, zu dem laut Veranstalter rund 950.000 Menschen gekommen sind.

Spaniens ehemalige Kulturministerin und konservative Ministerpräsidentin der Region Madrid war nicht die einzige Politikern und Persönlichkeit, die am Sonntag an dem Protestmarsch gegen Kataloniens Unabhängigkeitsbewegung teilnahm. Auch ihre Nachfolgerin Cristina Cifuentes und andere Politiker und ehemalige Minister der konservativen Zentralregierung kamen aus Madrid. Auch der Chef der Liberalen (Ciudadanos), Albert Rivera, und der ehemalige sozialistische EU-Parlamentspräsident Josep Borrell marschierten Seite an Seite neben Persönlichkeiten wie dem spanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa oder der Schriftstellerin Nuria Amat gegen den Separatismus.

„Schauen Sie sich diese Menschenmassen an. So viele Menschen dürften noch niemals in Katalonien, meiner Heimat, gegen die Unabhängigkeit demonstriert haben. Endlich erhebt die bisher schweigende Mehrheit ihre Stimme gegen die Staatsstreichversuche Puigdemonts“, erklärte Amat kurz vor Beginn des Protestmarsches im Gespräch mit der APA.

„Visca Catalunya, Viva Espana“, „Es lebe Katalonien, es lebe Spanien“ schallt es wieder durch die Via Laietana. Neben der Societat Civil Catalana, einer anti-separatistischen Bürgerbewegung, hatten insgesamt 27 Parteien und Bürgerplattformen unter dem Motto „Es reicht! Stellen wir wieder die Vernunft her“ zum Protestmarsch aufgerufen.

Unterdessen nimmt Spaniens konservativer Ministerpräsident Mariano Rajoy gegenüber Katalonien trotz aller Forderungen nach einem Dialog weiterhin eine harte Position ein. „Spanien wird nicht geteilt werden und die nationale Einheit erhalten bleiben“, sagte er der Zeitung „El Pais“ am Samstagnachmittag. Rajoy betonte, „alle mir zur Verfügung stehenden gesetzgeberischen Instrumente nutzen“ zu wollen, um den Erhalt der Landeseinheit sicherzustellen. Dabei schloss er auch eine Aufhebung der Autonomie Kataloniens nicht aus. Am kommenden Mittwoch wird Puigdemont vor dem katalanischen Regionalparlament in Barcelona eine Ansprache halten. Ob er am Mittwoch die einseitige Unabhängigkeit nach dem Referendum ausrufen wird, ist nicht sicher. Am Samstag betonte Puigdemont seine „große Sorge“ über den Abzug vieler Banken und Unternehmen in andere Regionen Spaniens. Er könnte zunächst auf mehr Zeit spielen.




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