Letztes Update am Mo, 09.10.2017 08:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medien in der Türkei - Du weißt: Dein Weg führt dich ins Gefängnis



Ankara (APA) - Vor einem Jahr ist die Onlinezeitung „Gazete Karinca“ in der Türkei online gegangen. Zu einem Zeitpunkt, als bereits der Ausnahmezustand herrschte und etliche Journalisten verhaftet, hunderte Medienunternehmen verboten waren. Cagdas Kaplan, 31, ist Mitbegründer des Projekts und erklärt, warum er trotz aller Gefahren unbedingt weitermachen möchte.

APA: Vor einem Jahr haben Sie die Onlinezeitung Karinca, zu Deutsch „Ameise“, gegründet. Was herrschte damals für ein Klima im Mediensektor?

Cagdas Kaplan: Ja, Karinca wurde vor genau einem Jahr von drei Journalisten gegründet. Zu dieser Zeit herrschte bereits der Ausnahmezustand, der nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 ausgerufen wurde. Damals waren 2.308 Journalisten arbeitslos, 28 Fernsehkanäle, fünf Nachrichtenagenturen, 66 Zeitungen, 19 Zeitschriften, 36 Radiosender und 26 Verlage waren geschlossen worden und es war eine Zeit, in der Zensur, Verhaftungen und Gewalt gegen Journalisten an der Tagesordnung waren.

APA: Und ihre persönliche Situation und die der übrigen Mitarbeiter?

Cagdas Kaplan: Ich habe zuvor bei der prokurdischen Nachrichtenagentur Dicle, die verboten wurde, gearbeitet. Der Kollege Bekir Avci beim verbotenen Fernsehsender IMC. Auch die beiden anderen Kollegen, die kurz darauf bei uns angefangen haben, waren vorher bei Medienunternehmen beschäftigt, die verboten oder offline geschaltet worden waren.

APA: Wieso heißt die Zeitung „Ameise“?

Cagdas Kaplan: Den Namen Karinca, also Ameise, haben wir gewählt, weil Ameisen klein sind, fleißig und ein Kollektiv. Auch wir sind ein kleines Team und arbeiten als Kollektiv. Deswegen fanden wir den Namen sehr passend.

APA: Wie viele Mitarbeiter hat Karinca?

Cagdas Kaplan: Derzeit arbeiten fünf Redakteure und Übersetzer für uns. Wir sitzen in einem kleinen Redaktionsbüro im Istanbuler Stadtteil Kadiköy.

APA: Und wie gestaltet sich ihre Arbeit?

Cagdas Kaplan: Seit einem Jahr versuchen wir nun, in diesem Klima des Drucks weiterzumachen, so gut wir können. Wir haben als kleines Team angefangen und sind das immer noch. Zu Beginn haben wir gesagt: „Wir bestehen auf Journalismus“ und das versuchen wir umzusetzen, so weit es uns möglich ist.

APA: Wie viele Menschen können Sie erreichen?

Cagdas Kaplan: Wir haben mittlerweile in den Sozialen Medien wie Facebook und Twitter rund 35.000 Follower. Täglich besuchen rund 15.000 Leser aus allen möglichen sozialen Schichten unseren Internetauftritt unter gazetekarinca.com. Denn die Nachrichten, die wir bringen, sind anders als bei den anderen.

APA: Was ist ihr Ziel, worum geht es Ihnen?

Cagdas Kaplan: Wir sind eine Internetzeitung, die sich eindeutig für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzt. Neben den aktuellen Nachrichten zielen wir insbesondere darauf ab, kritische Nachrichten über verschiedene Gesellschaftsschichten zu bringen, die in den Mainstreammedien nicht vorkommen, also Frauen, LGBTI, Angehörige unterschiedlicher Religionen, Ethnien oder Kinder. Wie Sie wissen, haben wir während des Ausnahmezustands begonnen zu publizieren. Es sind etliche Rechtsverstöße passiert und wir haben Nachrichten darüber gemacht, weil darüber berichtet werden muss und diese Themen auf die öffentliche Agenda gesetzt werden müssen.

APA: Wie können Sie sich finanzieren?

Cagdas Kaplan: Die „Gazete Karinca“ ist eine private Initiative von drei Journalisten. Seit einem Jahr halten wir uns dadurch über Wasser, indem wir auch für andere Unternehmen arbeiten - ich mache beispielsweise nebenbei noch ein Fernsehprogramm. Außerdem haben wir Werbeeinnahmen und manchmal bekommen wir Unterstützung von Dritten. Wir werden uns auch in Zukunft über Wasser halten. Wie Sie wissen, steht es um das Pressewesen nicht sonderlich rosig in der Türkei. Deswegen brauchen wir Finanzquellen und bewerben wir uns bei verschiedenen Fonds, die die Presse- und Meinungsfreiheit fördern wollen.

APA: Können Sie sich als Journalisten akkreditieren und Presseausweise erhalten, die ja einen gewissen Schutz darstellen?

Cagdas Kaplan: Nein. Wir können keine Presseausweise bekommen. Es ist noch schwerer geworden, die zu bekommen, als früher. Vor allem oppositionelle Medienorgane und Journalisten haben kaum eine Chance.

APA: Gibt es auch anderen Druck, der auf Sie ausgeübt wird?

Cagdas Kaplan: Natürlich spüren wir den Druck der politischen Macht auf die Presse. Aber als Journalisten sind wir verpflichtet, die Gesellschaft über diese Tatsachen zu informieren. Und dadurch wird man auf die Zielscheibe gesetzt. Bisher wurde unsere Internetseite nicht blockiert, aber gegen einzelne Meldungen wurden Gerichtsurteile erwirkt und daraufhin der Zugriff gesperrt.

APA: Was sind es für Meldungen, die auf dieser Weise zensiert werden?

Cagdas Kaplan: Diese Gerichtsentscheide, die den Zugang zu einer Meldung zu sperren, betreffen meist Nachrichten über Kindesmissbrauch oder es sind Meldungen darüber, dass staatliche Verwalter anstelle der gewählten Bürgermeister eingesetzt werden.

APA: Warum werden Meldungen über Missbrauchsfälle zensiert?

Cagdas Kaplan: Es gibt einfach sehr viele Missbrauchsfälle an Kindern und durch die Zensur soll verhindert werden, dass das Thema öffentlich diskutiert wird. Es kann aber auch sein, dass die Richter sich einfach sehr schnell dafür entscheiden, die mutmaßlichen Täter zu schützen. Aber es sind nicht nur Meldungen über Missbrauch, sondern auch Rechtsmissbräuche und was in den kurdischen Städten vor sich geht, die davon betroffen sind.

APA: In der Türkei sind über 150 Journalisten in Haft. Wie fühlt es sich an, diesen Beruf auszuüben?

Cagdas Kaplan: Viele unserer Kollegen sind im Gefängnis und das ist wirklich traurig. 2011 war ich auch ein Jahr drin. Deswegen fürchte ich mich nicht mehr davor. Wenn man in der Türkei wirklich ernsthaft Journalismus betreiben möchte, dann weißt Du: Dein Weg führt dich ins Gefängnis. Vielleicht auch mehr als nur ein Mal. Es kann einem immer wieder passieren. Mein damaliger Zellengenosse wurde mit mir zusammen auf freien Fuß gesetzt. Später wurde er wieder verhaftet und sitzt noch immer.

APA: Ist das nicht abschreckend?

Cagdas Kaplan: Nein. Die politische Führung soll wissen, dass man die Wahrheit nicht verschleiern kann, indem man die Leute einsperrt; man kann den Journalismus so nicht aufhalten.

APA: Sie wurden also 2011 verhaftet. Eigentlich schien es damals eine Art Tauwetter zu geben?

Cagdas Kaplan: Auch 2011, als ich verhaftet wurde, gab es in der Türkei eigentlich kein Tauwetter. Damals liefen die sogenannten KCK-Prozesse, also Prozesse gegen eine prokurdische Untergrundorganisation. Tausende kurdische Politiker, Juristen und Journalisten wurden verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Eigentlich hat sich seit früher überhaupt nicht viel verändert. Denn die Türkei hat sich nicht mit ihren Problemen auseinandergesetzt. Weil diese Auseinandersetzung in der Türkei nicht stattfindet, wiederholt sich die Geschichte immer wieder.

APA: Besteht die Chance, dass sich etwas ändern könnte?

Cagdas Kaplan: So lange die politische Führung an der Macht bleibt, wird sich nichts im Land verändern, ganz im Gegenteil: es wird sich weiter verschlechtern. Noch immer herrscht der Ausnahmezustand und Niemand weiß wie lange noch. Damit es sich für die Medien ändert, muss der Impuls von den Journalisten und den Lesern ausgehen. Die Leser müssen auf ihr Recht auf Information pochen und wenn er sich für die Nachrichtenmacher einsetzt, dann können die Journalisten trotz allen Drucks und aller Bedrohung sich an ihre Berufsprinzipien und die Wahrheit klammern und kein Mechanismus der Unterdrückung kann dem standhalten. So kann es eine Veränderung geben.

APA: Woher könnte ein neuer Wind wehen?

Cagdas Kaplan: Es ist nicht wichtig, wer an der Macht ist, sondern welche Geisteshaltung, welches Demokratieverständnis herrscht. Wenn ein Sinneswandel der politischen Führung hin zu mehr Demokratie stattfinden sollte - und das scheint derzeit nicht sonderlich wahrscheinlich - dann würde das auch die Situation der Medienschaffenden und der Pressefreiheit verbessern.




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