Letztes Update am Mo, 09.10.2017 10:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internationale Pressestimmen zum Katalonien-Konflikt



Barcelona/Madrid (APA/dpa) - Zum Konflikt um die drohende Unabhängigkeitserklärung von Katalonien heißt es in den Zeitungen am Montag:

„The Times“ (London):

„Angesichts des zerstörten Vertrauens zwischen dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy und dem katalanischen Anführer Carles Puigdemont wird ein Vermittler für Gespräche benötigt. Die EU hat diese Rolle entgegen katalanischer Hoffnungen auf eine Internationalisierung der Krise zurückgewiesen. (...) Die Schweiz wäre dazu bereit und einigen Berichten zufolge auch der Vatikan. Rajoy sollte seinen Stolz hinunterschlucken und Hilfe von außen akzeptieren. Eine Konferenz, an der alle autonomen Regionen Spaniens beteiligt sind, könnte Änderungen an der spanischen Verfassung erarbeiten. Mit gutem Willen sollte es möglich sein, den Katalanen die Möglichkeit zuzugestehen, mehr vom Steueraufkommen der Region für sich selbst zu behalten und ihre Sprache zu schützen sowie Katalonien als ein nationales Gebilde innerhalb des spanischen Staates anzuerkennen. Das wird zwar einigen Separatisten zu wenig sein, aber es würde viele Katalanen erstmal zufriedenstellen. Die Alternative wäre eine jahrelange Konfrontation, ein gespaltenes Katalonien, ein gespaltenes Spanien und ein gespaltenes Europa.“

„El Pais“ (Madrid):

„Das Argument, das die katalanischen Separatisten am hartnäckigsten benutzt haben, hat gestern eine heftige Niederlage erlitten. Die Falschheit der Aussage, dass es nur ein Volk gibt, das geschlossen hinter der Causa der Separatisten steht, und dass das der einseitigen Ausrufung der Abspaltung (der Region von Spanien) Legitimität verleiht, ist bloßgestellt worden. Die katalanische Gesellschaft ist vielfältiger, als es die Nationalisten seit Jahren pausenlos behaupten. Niemand kann die Fähigkeit der Separatisten infrage stellen, große Massen zu mobilisieren. Und niemand kann bestreiten, dass ein bedeutender Teil der Katalanen eine andere Beziehung zu Spanien fordern. Seit gestern ist es aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass es eine riesige Anzahl Katalanen gibt, die die Loslösung von Spanien zurückweisen.“

„Midi Libre“ (Montpellier):

„Einzig Europa hat noch die Mittel, um sich als Vermittler ins Spiel zu bringen. (...) Aber dafür muss die EU ihr Schweigen brechen und sich der Gefahr bewusst werden, die ihrer eigenen Einheit droht. Die drohende Zersplitterung ist schlimmer als der Brexit. (...) Bevor das katalanische Fieber auf Schottland, das Baskenland oder Korsika überspringt, muss Europa die Feuerwehr-Uniform überstreifen. Und zwar schnell.“

„Liberation“ (Paris):

„Es ist eine Zeit der Nabelschau, in der viele Mauern zwischen den Völkern entstehen, und Europa ächzt unter dem Druck des Brexit. Da wäre jede andere Strategie als ein Dialog zwischen Befürwortern und Gegnern der Unabhängigkeit Kataloniens katastrophal. Für die Wirtschaft wie auch für die Demokratie.“

„Sme“ (Bratislava):

„So erschreckend es auch anzusehen war, wie die spanische Polizei Bürger aus den Abstimmungslokalen in Katalonien zerrte und anscheinend bis zu 800 verletzte: Man kann sich schwer des Eindrucks erwehren, dass das alles genau nach einem Plan der Separatistenregierung in Barcelona ablief. Vor allem die Szenen für ausländische Zuschauer, mit brutalen Madrider Sicherheitskräften, denen tapfere katalanische Kämpfer für die Freiheit gegenüberstanden. Nur beruhte das Drehbuch auf reiner Fiktion, denn die Mehrheit der Einwohner Kataloniens ist gegen die staatliche Unabhängigkeit. Es war nie wahrscheinlich, dass die katalanische Regierung ein legales Unabhängigkeitsreferendum gewinnen konnte. Darum entschied sie sich für ein ungesetzliches ohne vorgeschriebene Mindestbeteiligung. Nur das ermöglichte eine rechtlich bedeutungslose, aber politisch explosive Ja-Mehrheit.“

„La Vanguardia“ (Barcelona):

„Die Demonstration hat einen Meilenstein gesetzt, was die Sichtbarkeit der Beschützer der Verfassung in Katalonien angeht. Sie sind nicht mehr unsichtbar. Genauso wie der Moncloa-Palast (die Madrider Zentralregierung) das Gewicht der separatistischen Wähler in der Region zur Kenntnis nehmen muss, darf die Generalitat (die katalanische Regionalregierung) in diesen entscheidenden Stunden die Forderungen derjenigen nicht ignorieren, die eine baldige einseitige Ausrufung der Unabhängigkeit befürchten (...) (Der regionale Regierungschef) Carles Puigdemont hatte doch erst am Mittwoch versichert, er wolle Präsident aller Katalanen sein.“




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