Letztes Update am Mo, 09.10.2017 20:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Überzeugter Europäer, ausgezeichneter Autor: Robert Menasse



Wien/Frankfurt (APA) - Sein Essay „Der Europäische Landbote“ wurde von der Friedrich Ebert Stiftung Berlin als „Das Politische Buch 2013“ ausgezeichnet. Sein Europa-Roman „Die Hauptstadt“ ist heute mit dem Deutschen Buchpreis 2017 gewürdigt worden. Bei dem überzeugten Europäer Robert Menasse geht politisches Engagement und literarische Qualität Hand in Hand.

Auch in seinen Dankesworten am Montagabend im Frankfurter Römer betonte er: die Europäische Union ist ein, nein: DAS Friedensprojekt unserer Generation. Es muss mit aller Macht bewahrt und verteidigt werden. Es darf nicht scheitern. Scheitert das Europa der Regionen gegenüber den Verfechtern des Nationalismus, droht diesem Kontinent erneut eine Katastrophe. Deswegen ist „Die Hauptstadt“ natürlich auch ein Werbebuch, vergleichbar mit jener „Jubilee“-Parallelaktion, um die sein Roman kreist: Es macht die EU und ihre Institutionen menschlich und angreifbar. Menasse zeigt in einem Gesellschaftsroman mit eingeflochtener Krimihandlung die kleinen Schwächen der Beamten und die großen Hindernisse innerhalb der Unions- und Kommissions-Strukturen, er wirbt um Sympathie und zwingt die Leser, sich mit einer Realität näher zu beschäftigen, die sonst gerne bloß pauschal kritisiert wird.

Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina. 1980 promovierte er mit dem Thema „Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb“, 1981 bis 1986 war er Lektor bzw. Gastdozent für österreichische Literatur an der Universität Sao Paulo (Brasilien). Er arbeitete auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien ist Menasse freiberuflicher Schriftsteller und wurde schon 1990 erster Preisträger des Heimito-von-Doderer-Preises.

In Folge wurde der Autor vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis (2002), dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (2002), dem Joseph-Breitbach-Preis (2002) dem Erich-Fried-Preis (2003), dem Prix Amphi (2007) dem Donauland-Sachbuchpreis (2012), dem Österreichischen Kunstpreis (2012), dem Heinrich-Mann-Preis (2012), dem Max-Frisch-Preis (2014). Das Preisgeld in der Höhe von 100.000 Schilling (7.267 Euro), das Menasse für den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik 1998 erhielt, verwendete der Autor zur Stiftung des Jean Amery-Preises.

Menasses erste Erzählung „Nägelbeißen“ erschien 1973 in der Zeitschrift „Neue Wege“, sein 1988 erschienener, unter österreichischen und deutschen Emigranten in Brasilien spielender erster Roman „Sinnliche Gewißheit“ fand Eingang in seine „Trilogie der Entgeisterung“, die mit den Romanen „Selige Zeiten, brüchige Welt“ (1991) und „Schubumkehr“ (1995) sowie der Nachschrift „Phänomenologie der Entgeisterung“ (1995) fortgesetzt wurde. In seinem Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ (2001), für den er zeitweise in Amsterdam lebte, verwob der Autor die Geschichte des im 17. Jahrhundert verfolgten Rabbi Menasse mit der Geschichte des im Schatten des Zweiten Weltkriegs lebenden Viktor Abravanel, Menasses Bruder im Geiste. „Don Juan de La Mancha oder die Erziehung der Lust“ schilderte 2007 die tragikomische Suche eines modernen Ritters von der traurigen Gestalt nach dem Liebesglück.

Eine Karriere als Dramatiker kam nicht in Schwung: Sein für das Burgtheater geschriebenes „Staatstheater“ wurde schließlich 2006 als „Paradies der Ungeliebten“ in Darmstadt uraufgeführt, wo drei Jahre später auch das Theaterstück „Doktor Hoechst - Ein Faustspiel“ auf die Bühne kam.

Dagegen hatte Menasse als Essayist von Anfang an Erfolg. Mit „Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik“ (1990), „Das Land ohne Eigenschaften“ (1992), „Dummheit ist machbar“ (1999) oder „Das war Österreich“ (2005) hat er sich als Kritiker der Zustände in seinem Heimatland mit nahezu allen angelegt. Gegenwart und Vergangenheit, Austrofaschismus und Antisemitismus, Politik und Kultur, Medien- und Finanzpolitik, Demokratiedefizit und Globalisierung sind Themen, mit denen sich Menasse in Essays und Kommentaren auseinandersetzt und immer wieder intensive Diskussionen auslöst. Mit dem 2012 beim Festival Crossing Europe in Linz uraufgeführten Film „Grenzfälle“ hat Menasse seine Essays auch ins Filmische geweitet.

Für Recherchen zu seinem nun ausgezeichneten Roman nahm sich Robert Menasse, dessen Halbschwester Eva ebenfalls als Autorin tätig ist und dessen Gattin Elisabeth Menasse-Wiesbauer das ZOOM-Kindermuseum in Wien leitet, längere Zeit in Brüssel eine Wohnung, um zu überprüfen, „ob die sogenannten Eurokraten sozusagen romantauglich sind“. Menasse hat bewiesen: Sie sind es. Und er erklärte heute in seinen Dankesworten: „Ich habe große Hochachtung vor ihnen.“




Kommentieren