Letztes Update am Mo, 09.10.2017 21:15

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Buchpreissieger Robert Menasse: „Nationalisten können nicht liefern“



Frankfurt am Main/Frankfurt (APA) - Kurz nach der Übergabe des Deutschen Buchpreises an Robert Menasse schilderte der Autor am Montagabend der APA in einem Telefoninterview seine Überraschung bei der Nennung seines Namens und seine Freude darüber, dass der Preis mithelfe, seiner Arbeit jene Wirksamkeit zu verleihen, die er immer angestrebt habe.

APA: Herzliche Gratulation, Herr Menasse. Waren Sie, als Sie im Frankfurter Römer auf das Podium kamen und manchmal ihre Stimme verloren haben, so verkühlt oder so gerührt?

Robert Menasse: Ich war überrascht und gerührt.

APA: Dabei haben Sie doch schon eine große Routine bei Preisverleihungen. Oder war der Deutsche Buchpreis für Sie doch etwas Besonderes?

Menasse: Ja, aus einem einfachen Grund: Er ist der wirksamste. Ich habe sehr schöne Preise bekommen, die mir als Zeichen der Anerkennung meiner literarischen Arbeit sehr viel bedeutet haben. Aber da weiß man ja nicht einmal, ob man im Gespräch ist, und wird dann angerufen, von der Jury-Entscheidung in Kenntnis gesetzt und gefragt, ob man den Preis annimmt. Das ist eine plötzliche Freude, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Und dann erhält man den Preis und es gibt in den Zeitungen eine „Kurz notiert“-Meldung. Bei diesem Preis ist es anders. Es ist eine ungeheure Marketing-Leistung, einen Preis so wirksam zu machen. Gleichzeitig lebt man ja auch anders, wenn man weiß, man ist nominiert.

APA: Der Oscar-mäßige Nervenkitzel...

Menasse: Wie beim Oscar weiß man, es ist schon eine Riesen-Ehre, wenn man nominiert ist. Ich habe ehrlich nicht erwartet, dass ich den Preis bekomme. Ich habe die Bücher der anderen Nominierten alle gelesen und mir gedacht, jedes einzelne Buch ist so interessant und auf seine eigene Weise wichtig und zu Recht nominiert, dass ich mich gar nicht erst mit der Frage aufgehalten habe, ob ich den Preis bekomme. Als mein Name genannt wurde, habe ich geglaubt, es werden noch einmal alle sechs Namen vorgelesen und war verblüfft, dass da nichts mehr anderes kam.

APA: Diese Wirksamkeit kommt nun vielleicht auch Ihrer Agenda zugute. Mit Ihrem Roman werben Sie ja für das Friedensprojekt EU, indem Sie es menschlicher und begreifbarer machen.

Menasse: Ja, das ist mein Anspruch. Ich habe immer den Anspruch gehabt, ich will gute Literatur machen, aber ich will auch eine bestimmte Form von Wirksamkeit. Ein österreichischer Kritiker hat einmal abschätzig über mich geschrieben: Robert Menasse macht den Eindruck eines Mannes, der in seiner Jugend zu viel Jean-Paul Sartre gelesen hat. Was er abschätzig gemeint hat, war tatsächlich mein Anspruch: Als ich jung war, wollte ich so einer werden. Ich wollte mehr bewegen, als einfach im Bett gelesen zu werden und dabei schläft man ein. Ich habe den Anspruch, dass ich literarisch verdichte, was zentrale Fragen unserer Zeitgenossenschaft sind, und damit auch mithelfe, einen Diskurs zu befeuern, der sich damit auseinandersetzt. Deswegen freut mich dieser Preis so, weil ich das Gefühl habe, dass es genau das bewirkt. Die Menschen hier sagen: Das große Abstraktum EU hat durch mich ein Gesicht bekommen und dadurch können wir das auch anders diskutieren - nicht als Popanz, der weltfremd in unser Leben hineinregiert, sondern als ein von Menschen gemachtes Projekt, das vernünftig ist, aber auch viele Fehler hat, weil es eben von Menschen gemacht ist. Was wir diskutieren müssen, ist nicht: EU ja oder nein, sondern: Wie können wir Anspruch und Grundidee der EU rekonstruieren, und wie können wir die Krisen, die wir gegenwärtig erleben, überwinden?

APA: Mit dem Preis bekommt diese Haltung heute Rückenwind. Fürchten Sie nicht, dass es gleich in einer Woche anlässlich der Nationalratswahlen wieder gehörig Gegenwind dafür geben könnte?

Menasse: Die Renationalisierungstendenzen sind gegenwärtig in Europa sehr stark. Aber die Wähler der Nationalisten werden unter Tränen lernen, dass die Nationalisten keine Krise, kein Problem, keine Herausforderung lösen können und noch viel weniger politisch gestalten können. Nationalisten können nicht liefern. Die Debatte geht weiter. Mein kleiner Beitrag wollte es sein, dass ein Abstraktum ein Gesicht hat. Und man wird sehen, wie weit das trägt, wie weit das hilft. Aber es ist das, was ich machen konnte.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)




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