Letztes Update am Di, 10.10.2017 09:40

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Häftlinge in Australien kümmern sich um Kängurus und Schlangen



Sydney (APA/AFP) - „Guten Morgen“, begrüßt ein älterer Mann mit einem stattlichen grauen Schnurrbart ein kleines Känguru und stellt schwungvoll eine Platte mit Frühstück für das Beuteltier in dessen Gehege. Was aussieht wie ein kleiner Zoo, ist in Wirklichkeit Teil eines australischen Gefängnisses. Und der Mann in dem Gehege ist kein professioneller Tierpfleger, sondern ein Häftling.

In der Haftanstalt John Morony in der Nähe von Sydney gehören Wombats, Emus, Schlangen und Kakadus zum Gefängnisalltag. Sie sollen den Insassen bei der Resozialisierung helfen. „Sie haben sehr positiven Einfluss und die Tiere können den Menschen wirklich manchmal helfen, sich zu bessern“, sagt der Vollzugsbeamte Ian Mitchell. „Die Tiere zeigen ihre Liebe und ihren Respekt bedingungslos, sie urteilen nicht. So entwickeln die Insassen im Laufe der Zeit eine Beziehung zu den Tieren.“

Doch nicht nur die Tiere helfen den Menschen, auch umgekehrt. Das Gefängnis nimmt ausgesetzte und von Wilderern oder Autos verletzte Tiere auf. Die Häftlinge lernen, die Wunden zu versorgen, und bauen Ställe für ihre Patienten. Dadurch entwickelten sie ein Verantwortungsbewusstsein, das sie auf die Zeit nach der Entlassung vorbereite, sagt Mitchell. Auch viele Tiere können nach einiger Zeit wieder in die Freiheit entlassen werden, andere haben sich zu sehr an die Gefangenschaft gewöhnt, um wieder allein in der Wildnis zurecht zu kommen.

Als ein besonders zu Herzen gehendes Tierschicksal blieb Gefängniswärter Mitchell das einer Python in Erinnerung. Die Riesenschlange, die sich ein Dealer zur Abschreckung gehalten hatte, war bei einer Drogenrazzia beschlagnahmt worden. Über die Haut hatte sie Crystal Meth aufgenommen und war daher süchtig nach der synthetischen Droge. Die Riesenschlange musste erst einmal einen Entzug machen. „Zu beobachten, wie sich ein Tier von so etwas wieder erholt, gibt Antrieb“, sagt Mitchell.

Manche ehemaligen Häftlinge haben ihre Erfahrungen mit Tieren in der Haft später zum Beruf gemacht. Einer beispielsweise bringt Menschen den Umgang mit Giftschlangen bei. Auch der Häftling, der gerade das Känguru gefüttert hat, hofft, nach Ende der Haft weiter mit Tieren arbeiten zu können. „Ich habe entdeckt, dass ich viel Fürsorge in mir habe, von der ich gar nichts wusste“, sagt er.

Zu seinen Schützlingen gehören auch in Australien heimische weiße Kakadus, die die menschliche Sprache imitieren. „Überall begrüßen sie dich. Manche sagen ‚Hallo‘, andere machen Zeichen“, erzählt der Gefangene und fügt wehmütig hinzu: „Ich werde diesen Ort vermissen.“




Kommentieren