Letztes Update am Di, 10.10.2017 14:16

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kataloniens Tourismusbranche wegen Unabhängigkeitserklärung in Sorge



Wien/Barcelona/Madrid (APA) - Wie viele Unternehmen schaut auch Kataloniens Tourismusbranche mit Sorge auf eine mögliche Unabhängigkeitserklärung der separatistischen Regionalregierung von Carles Puigdemont. Vor allem die Bilder von der Polizeigewalt während des Unabhängigkeitsreferendums und Massenprotesten verunsichern Urlauber.

„Natürlich haben auch wir vorher in der Presse gesehen, wie die Polizei hier mit Schlagstöcken auf die Menschen losgegangen ist und waren verunsichert, ob wir überhaupt noch nach Barcelona fahren sollen, haben uns dann aber dafür entschieden“, sagt Monika Mayer. Die Kinderkrankenpflegerin aus dem oberösterreichischen Wels war mit vier Freundinnen für ein verlängertes Wochenende in der katalanischen Mittelmeermetropole.

„Man macht sich natürlich sorgen. Wir haben auch die friedlichen Demonstrationen hier miterlebt. Aber man weiß ja nie, ob das eskalieren kann“, sagt Monika Mayer der APA. Die Freundinnen haben den Städtetrip nach Barcelona schon vor Monaten gebucht. „Doch hätten wir uns nun spontan entscheiden müssen, wären wir zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht gefahren.“

Auch das österreichische Außenministerium hat die Reiseinformationen für Katalonien auf seiner Homepage bereits aktualisiert: „Aufgrund der politischen Situation in Katalonien ist weiterhin mit Demonstrationen und Kundgebungen, insbesondere in Barcelona, zu rechnen. Reisenden wird daher empfohlen, die Berichte der lokalen Medien zu beachten, größere Menschenansammlungen zu meiden und im Anlassfall die Anweisungen der Sicherheitskräfte unbedingt zu befolgen.“

Jürgen Hutterer macht sich jedoch keine Sorgen. Bisher habe er noch keine Stornierungen wegen der aktuell angespannten politischen Lage erhalten, wohl aber E-Mails von Kunden, die fragten, ob man derzeit überhaupt kommen könnte. Hutterer, 40, unterhält im Zentrum Barcelonas das Mihlton Barcelona. Eine Art gehobenes „Bed & Breakfast“-Hotel mit 20 Zimmern. „Ich glaube nicht, dass sich die heutige Lage negativ auf Katalonien und speziell Barcelona auswirkt, sofern die Situation nicht noch weiter ausartet“, gibt er sich optimistisch.

Größere Hotelketten verzeichneten allerdings erste Stornierungen. „Wir haben bereits einen starken Rückgang von Reservierungen registriert und das liegt nicht daran, dass jetzt die Nebensaison beginnt“, versicherte Alfonso del Poyo, Vize-Präsident der Hotelkette Melia der katalanischen Tageszeitung „La Vanguardia“. Die spanische Hotelkette unterhält insgesamt elf Hotels in Katalonien.

Die deutschen TUI-Kreuzfahrtschiffe „Mein Schiff 3“ und „Mein Schiff 5“ steuerten Anfang Oktober nicht wie geplant Barcelona an. American Airlines und Air Canada raten ihren Gästen, bis zum 13. Oktober nicht nach Barcelona zu fliegen. Flugtickets für diesen Zeitraum werden umgetauscht.

„Das ist keine gute Werbung für Katalonien als sicheres Reiseziel“, meint Rafael Gallego, Vorsitzender vom Dachverband spanischer Reiseagenturen (CEAV), im Gespräch mit der APA. Die islamistischen Anschläge im August, die Polizeigewalt während des verbotenen Unabhängigkeitsreferendums am 1. Oktober, bei der fast 900 Bürger verletzt wurden, und der Generalstreik danach hätten bereits Auswirkungen gehabt. „Obwohl noch keine offiziellen Zahlen vorliegen, scheinen die Reservierungen von Hotels und Reisen nach Katalonien schon zurückzugehen“, räumte Gallego ein.

Wie die politischen Wirren, ein möglicher Verlust des Euro, Pass- und Grenzkontrollen sich langfristig auf Kataloniens Tourismusbranche auswirken könnten, ist schwer vorauszusehen. „Doch der Schaden wäre enorm. Nicht nur in Katalonien, sondern auch für Spanien. Katalonien wird im Ausland als ein Reiseziel innerhalb Spaniens und der EU wahrgenommen“, versichert Rafael Gallego.

Der Tourismus gehört zu den wirtschaftlichen Motoren der Region. Rund 15 Prozent des gesamten katalanischen Bruttoinlandproduktes wird im Tourismusbereich erwirtschaftet. Nirgendwo verbringen ausländische Spanien-Urlauber lieber ihre Ferien als an der Costa Brava und in Barcelona. Spanien verzeichnete bis August einen neuen Urlauberrekord von 57,3 Millionen Besuchern. Fast jeden vierten ausländischen Touristen zog es dabei nach Katalonien.




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