Letztes Update am Di, 10.10.2017 21:46

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lendvai: „Transformation Ungarns zur Autokratie unvermeidlich“



Wien (APA) - Der Publizist Paul Lendvai hat Ungarn eine antidemokratische Entwicklung attestiert. „Die Transformation Ungarns von einer Demokratie zur Autokratie ist unvermeidlich“, sagte er im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Dienstag im Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien, bei der sein neues Buch „Orban. Europe‘s New Strongman“ vorgestellt wurde.

Lendvai, der unter anderem mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet ist, gab in der Diskussion mit dem ehemaligen ungarischen Politiker Gaspar Miklos Tamas einen Vorgeschmack auf den Inhalt seines neuen Buches und beleuchtete zentrale Aspekte der Regierung des umstrittenen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban. Tamas bezeichnete Lendvais Werk als „das vielleicht beste Buch zum Thema“.

„Orban ist ein Zyniker und Machiavellist, aber kein Rassist und kein Antisemit“, erläuterte der ungarischstämmige Lendvai. So habe Orban beispielsweise seine Verbundenheit zur Katholischen Kirche wirksam inszeniert, um sich ihre Unterstützung zuzusichern - die ungarische Kirche habe darum auch nicht Orbans Umgang mit Flüchtlingen kritisiert.

Laut Lendvai hatte Orban bis zur Flüchtlingskrise breiten Rückhalt in der Bevölkerung. Er habe zudem keine nennenswerte Opposition in der eigenen Partei „Fidesz“. Lendvai zog Parallelen zwischen Orban, dem er großes politisches Talent zugestand, und Mussolini. Auch Tamas gestand Orban zu, „begabt und intelligent“ zu sein, und einen „starken Willen“ zu haben.

„Es gibt in Ungarn keine demokratische oder bürgerliche Tradition“, so Lendvai. Dies verursache Nostalgien zu anderen Regierungsformen und fördere den Nationalismus. Dieser gehe auf die im Vertrag von Trianon festgelegten Gebietsverluste Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Diese Gebiete, in denen große ungarische Minderheiten lebten, wollten die Nationalisten wieder in den ungarischen Staat eingliedern.

Tamas prognostizierte Orbans Sieg bei den Wahlen im kommenden Jahr. „Für Orban ist die Opposition nützlich“, fügte Lendvai hinzu. Durch die rechte Opposition, die von der offen rassistischen Partei „Jobbik“ geführt wird, könne sich Orban als Beschützer vor Rechtsextremismus inszenieren, während er sich durch die Existenz einer linken Opposition zusätzlich von russischen politischen Verhältnissen abgrenzen könne.




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