Letztes Update am Mi, 11.10.2017 08:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


theatercombinat wird 20 - Claudia Bosse fordert „radikales Umdenken“



Wien (APA) - „Fuck white people, fuck white people!“, hallt es durch die Nordbahnhalle in Wien-Leopoldstadt. Die Worte kommen aus einer hellblauen Schaumstoffrolle, in der ein Mann steckt. Nic Lloyd spielt in der Oper „Poems of the Daily Madness“ die Rolle des „Hate-Crime“, der vor allem in den USA um sich greift. Es ist eine Szene aus Claudia Bosses neuer Produktion zum 20-Jahr-Jubiläum von theatercombinat.

Premiere feiert das Stück, das als eine Mischung aus Singspiel und Performance angelegt ist, am 16. Oktober. Schauplatz ist eine alte Lagerhalle inmitten des ehemaligen Nordbahnhofgeländes, das in den kommenden Jahren zu einem neuen Stadtteil entwickelt werden soll. Während ein paar hundert Meter entfernt die Baukräne das Bild dominieren, liegt die Halle inmitten einer urbanen Wildnis, der künftigen „Freien Mitte“ des Nordbahnviertels. Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekts „Mischung: Nordbahnhof“ sollen innovative Maßnahmen für die Entwicklung von Nutzungsvielfalt im neuen Stadtteil geschaffen werden. Dazu gehört auch die Nutzung des Areals durch Kunstschaffende.

„Ich mag das Nordbahnhof-Projekt sehr“, schwärmt theatercombinat-Gründerin Claudia Bosse im APA-Interview. „Wir befinden uns hier in einem unberührten Rest inmitten eines Areals zur Schaffung des idealen Wohnbautraums. Für mich bietet die Nordbahn-Halle eine Form der Zwischennutzung fernab der neoliberalen Aneignung, wie sie andernorts oft passiert.“ Räume sind für die Arbeit von theatercombinat zentral, inszeniert Bosse ihre Stücke doch stets in Interaktion mit den Orten, an denen sie ihre Arbeiten entwickelt. So wurde die mit einem Nestroy-Preis ausgezeichnete Produktion „Bambiland“ von Elfriede Jelinek 2009 in der ehemaligen Ankerbrotfabrik gezeigt, bevor sich dort das nunmehrige Kulturareal entwickelt hatte.

In „Poems of the Daily Madness“ widmet sich Bosse diesmal vier Themenfeldern, die sie mithilfe von vier Performern auf die Bühne bringt. Neben dem „Hate-Crime“ treten auch noch „Madness“ (Wahnsinn), „Terror“ und „Poems“ (Gedichte) in Erscheinung - zusammengehalten vom Thema „Alltag“, den Bosse nicht zuletzt aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel nicht als eigene Allegorie inszenieren konnte, wie sie sagt.

„I love black people“, brüllt „Hate-Crime“, während „Madness“ sinniert: „anachronistische romantiker / die keine melancholiker werden wollen / sondern gesellschaftlich wirksam / was tun SIE wenn sie sich radikalisieren“. Das Publikum wandert während der rund zweistündigen Aufführung frei im Raum herum, kann den vier Protagonisten nahe kommen oder sich im Hintergrund halten. Im Laufe des Abends rollen die Figuren, die allesamt in schräge Schaumstoff-Kostüme gehüllt sind, bunte Stoffbahnen auf und vergrößern so ihr Handlungsfeld. „Ich wollte bei den Kostümen eine klare körperliche Verfremdung haben“, so Bosse, die sich fragt: „Wie wird das körperliche Verhindern eine Qualität der Präsenz?“ Als Inspiration für die Stoffbahnen diente ihr unter anderem die Arbeit „Handlungsbahnen“ des Künstlers Franz Erhard Walther.

Für die Erschaffung ihrer Charaktere hat sich Bosse unterschiedlichsten Feldern gewidmet, etwa der Medialisierung der Erschießung des russischen Botschafters in Antalya. Die verbreiteten Bilder der Tötung hätten sie an die Ästhetik eines John Travolta-Films erinnert. Auch der Text „To be in a time of war“ von Etel Adnan fand Eingang in das Libretto, das der Komponist Günther Auer vertonte. Während einige Texte gesprochen werden, fließen andere Verse in Duette und Chor-Passagen ein. Mit „Hate Crime“ will Bosse an jene Form von Kriminalität erinnern, in der ethnische Randgruppen andere Randgruppen der „unterdrückenden Klasse“ attackieren, wie etwa im Fall von afro-amerikanischen Jugendlichen, die einen behinderten Weißen folterten. Der Poesie schließlich hat sich Bosse gewidmet, da diese „Archäologie an der Sprache“ betreibe und Subversion erzeuge, da sie eine eigene Grammatik erschaffe.

Wie es nach 20 Jahren in der freien Szene weiter geht, ist für Bosse noch offen. Es werde immer schwieriger, auf einem „akzeptablen Niveau zu arbeiten, wenn man der individuellen Verarmung entgehen will“. Im derzeitigen Fördersystem werde man „zum Akteur im kapitalistischen Paradox der Selbstausbeutung“. Auch sie müsse sich zunehmend der Frage stellen, wie sie ihre Mitarbeiter halbwegs adäquat entlohnen könne. Vieles könne man nicht mehr umsetzen, ohne zu einem „Schmalspurkunstmanager“ zu werden. Die Kulturpolitik müsse dringend wieder Rahmenbedingungen schaffen, in denen Kunst produziert und Denkräume geschaffen werden könnten, so Bosse. „Hier muss ein radikales Umdenken passieren.“

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - „Poems of the Daily Madness“ von Claudia Bosse / theatercombinat. Komposition: Günther Auer. Mit Mirjam Klebel, Nic Lloyd, Alexandra Sommerfeld und Nicola Schößler. Premiere am 16. Oktober, 20 Uhr in der Nordbahnhalle, 2., Leystrasse 157. Weitere Termine: 20. -22., 24.-25. und 27.-28. Oktober. Infos unter www.theatercombinat.com und www.nordbahnhalle.org)




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