Letztes Update am Mi, 11.10.2017 08:16

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Neue Bücher - „Kanzlernachfolgegedichte“ und Dichterwiederentdeckung



Wien (APA) - **

„Kanzlernachfolgegedichte“: Aktuelle politische Lyrik von Gerhard Ruiss

Als Geschäftsführer der IG Autorinnen und Autoren hat Gerhard Ruiss erst jüngst beklagt, dass es tragisch sei, „auf welches Niveau die politische Werbung und Auseinandersetzung und Beschäftigung mit Inhalten im Wahlkampf der Nationalratswahl 2017 gesunken ist. Sprachlich wie inhaltlich agiert die politische Werbung an der Grenze zum Analphabetismus.“ Doch nicht nur als streitbarer Interessensvertreter, auch als Autor begleitet Ruiss, der zudem als Nachdichter und Nachsänger der Lieder Oswald von Wolkensteins (1376-1445) in Erscheinung getreten ist (zuletzt auf seiner CD „Du meine Schöne“) das politische und mediale Geschehen. Seinen 2005 erschienenen „Kanzlergedichten“ lässt er, passend zur Nationalratswahl, nun „Kanzlernachfolgegedichte (2006 - 2017)“ folgen.

Ruiss nimmt jeweils aktuelle politische Ereignisse, Medienberichte oder Aussagen zum Anlass, um angedeutete Dinge weiterzuspinnen, näher zu untersuchen oder zu entlarven. Mit Marginalien schlägt er eine Brücke zur zeithistorischen Dokumentation, ein Verzeichnis der „handelnden Personen“ sorgt für Aufklärung in dem „Personensuchspiel“, das seine Gedichte auch seien, wie Ruiss schreibt. Es sind nicht nur Spott und Hohn, Scherz und Ironie, die Ruiss für die Akteure übrig hat. Immer wieder blitzt Schärfe auf, schmeckt man Bitterkeit durch: „politische verantwortung: / null / fachliche kompetenz: / null / wissen wie: / hundert prozent“. Oder: „bleiben sich / die progressiven treu / bewegt / sich nichts / ändern sich / die konservativen / gibt es / kein halten.“

„Einige Texte könnten eine verdichtete Melange von Erich Fried und Ernst Jandl sein“, befindet Klaus Zeyringer in seinem Geleitwort. Und als Bonus-Track hat Ruiss noch ein paar Kanzlerreservegedichte, mehrere Lieder und sogar zwei „Kanzlerposen“ parat.

(Gerhard Ruiss: „Kanzlernachfolgegedichte (2006 - 2017)“, Mit 75 Marginalien, einem Verzeichnis der handelnden Personen und einem Geleitwort von Klaus Zeyringer. Edition Aramo, 194 S., 18 Euro, broschiert, ISBN 978-3-9504093-7-6)

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„Durchgefühlt und ausgesagt“: Ausgewählte und kommentierte Werke von Ferdinand Sauter

Von dem Wiener Volksdichter Ferdinand Sauter (1804-1854) ist vor allem seine selbst entworfene Grabinschrift bekannt, in der es am Ende heißt: „Und der Mensch im Leichentuch / Bleibt ein zugeklapptes Buch; / Deshalb Wandrer zieh doch weiter, / Denn Verwesung stimmt nicht heiter.“ Weil der österreichische Autor Ludwig Laher, der bereits 2003 in seinem Roman „Aufgeklappt“ auf diesen Vormärzdichter Bezug genommen hat, zu Recht fand, dass Sauter bessere Nachrede verdient habe, hat er nun eine erste quellenkritische und kommentierte Auswahl von Sauters Dichtungen herausgegeben.

In einem ausführlichen Essay geht er mit den bisherigen Herausgebern der Werke Sauters, von dem zu Lebzeiten kein einziges Buch erschien, zu Gericht. Doch nicht nur sie hätten sich den unkonventionellen und offenherzigen Dichter ganz nach der eigenen Agenda zurechtgezimmert oder ihn als Säufer und Vagabund denunziert, sogar Thomas Bernhard weist er nach, dass dieser seine wohlwollenden Worte in Unkenntnis von Sauters Schriften verfasst hat, ja einer gar einer grotesken Verwechslung mit einem namensgleichen Dorfschullehrer aufgesessen ist.

Sauters Gedichte erschienen als Flugschriften, er selbst scheint in zahlreichen Gastwirtschaften bekannt und beliebt gewesen zu sein. Neben der Ungeschminktheit, mit der er seine eigene Misere ebenso wie die deplorablen sozialen Zustände beschrieb, besticht seine politischer Kampfgeist. Sein Gedicht „Geheime Polizei!“ („O du geheimnisvolle Macht, / Jüngst noch gefürchtet, nun verlacht, / ...“) erschien im März 1848, sein bitteres, engagiertes, die Vorgänge in Wien in einen europäisches Zusammenhang stellendes Gedicht „Was uns bleibt“ ist jedoch eine Erstveröffentlichung. „Es hätte wohl Furore gemacht, wäre es publiziert worden, als es entstand“, schreibt Laher. „Für seinen Autor wären die negativen Konsequenzen freilich unabsehbar gewesen.“

(Ferdinand Sauter: „Durchgefühlt und ausgesagt. Ausgewählte Werke“, Eine erste quellenkritische Auswahl seiner Dichtungen. Besorgt und mit einem begleitenden Essay versehen von Ludwig Laher, Wallstein Verlag, 224 S., 19,50 Euro, ISBN 978-3-8353-3104-4)




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