Letztes Update am Mi, 11.10.2017 11:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Aufarbeitung des Völkermords in Namibia durch deutsches Kaiserreich



Windhuk/New York (APA/dpa) - Vor mehr als 100 Jahren töteten die deutschen Kolonialherrscher Zehntausende Menschen im heutigen Namibia - der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Die Nachfahren fordern noch immer Gerechtigkeit. Doch die Aufarbeitung zwischen beiden Ländern ist schwierig.

In seinen Händen hält Uruanaani Scara Matundu Fotos seiner Vorfahren. Seine Großmutter trägt stolz das traditionelle Gewand der Herero: Einen langen roten Rock und eine Bluse im viktorianischen Stil, angelehnt an die Kleidung der ehemaligen deutschen Kolonialherrscher. „Wir wissen, wie wir gelitten haben, und wir leiden noch immer“, sagt der 43-Jährige. Er gehört der Volksgruppe der Herero an, die zusammen mit den Nama vor mehr als 100 Jahren von deutschen Soldaten im heutigen Namibia fast ausgerottet wurden. Matundu, wie die meisten Herero und Nama, hat dies nicht vergessen. Anführer beider Volksgruppen haben Anfang des Jahres die deutsche Regierung wegen Völkermordes in New York verklagt, die nächste Anhörung findet am Donnerstag statt. „Wir wollen, dass Deutschland Verantwortung übernimmt“, sagt Matundu.

Das heutige Namibia im südlichen Afrika wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Deutsch-Südwestafrika zur Kolonie. Als sich die Herero und Nama 1904 wehrten, wurde der Aufstand brutal unterdrückt. „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen“, forderte damals Generalleutnant Lothar von Trotha seine Truppen auf. „Etwa 80 Prozent der Herero, 50 Prozent der Nama wurden getötet“, sagt der Historiker Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg. Eine genaue Zahl der Todesopfer gibt es demnach nicht, Schätzungen zufolge wurden zwischen 35.000 und rund 100.000 Menschen getötet. Die Massaker nannte die deutsche Regierung im Juli 2015 erstmals offiziell einen „Völkermord“.

„Wir haben Land, Besitz, Vieh verloren“, sagt Matundu, ein führender Vertreter der Herero. Seine Familie hat den Völkermord überlebt, indem sie in den Nachbarstaat Botswana floh, wo Matundu geboren wurde. „Wir sind aufgewachsen mit dem Wissen, dass das Land der Herero woanders liegt“, sagt der Anwalt. Dies hätten die Betroffenen aber nie zurückbekommen. Heute lebten viele Herero und Nama in Namibia in Armut. „Wir sind marginalisiert.“

Seit Jahren treibt die Aufarbeitung der dunklen Kolonialgeschichte die deutsche Regierung um. Vertreter der deutschen und namibischen Regierungen verhandeln derzeit, wie mit dem Genozid umzugehen ist. Eine deutsche Entschuldigung werde es geben, hieß es zu Beginn der Verhandlungen, sowie „materielle, zukunftsgerichtete Maßnahmen der deutschen Seite“. Doch die Gespräche scheinen zäh zu sein. Ursprünglich sollten sie bis Ende 2016 abgeschlossen werden - ein Ende ist derzeit aber nicht in Sicht. Über den Verlauf der Verhandlungen gibt das Auswärtige Amt in Berlin wenig preis. Nach der inzwischen sechsten Verhandlungsrunde im September hieß es lediglich, die Gespräche „verlaufen im gegenseitigen Vertrauen und konstruktiv“.

Ein Streitpunkt der Verhandlungen ist die Frage der finanziellen Entschädigung. Deutschland will vermeiden, direkte Wiedergutmachungszahlungen zu leisten - wohl auch aus Angst, die Büchse der Pandora zu öffnen. Denn inzwischen kamen auch etwa aus Tansania (ehemals Deutsch-Ostafrika) Forderungen nach einer Wiedergutmachung. Berlin ist durchaus bereit zu zahlen, aber nur etwa in Form von Entwicklungsprojekten. Zudem verhandelt die deutsche Regierung nur direkt mit der namibischen Regierung. Diese schließe Vertreter der Herero und Nama von den Gesprächen aus, kritisieren die Volksgruppen. „Wie kann man über Gemeinden verhandeln, die gar nicht involviert sind?“, sagt Matandu.

Die Klage der Herero und Nama in New York ist wohl primär ein Druckmittel. „Die Klage erhöht den Druck, weil es die deutsche Regierung an den Pranger stellt“, sagt Historiker Zimmerer. Ob es überhaupt zum Prozess kommt, ist allerdings offen. Nach Auffassung des Berliner Justizsenators Dirk Behrendt scheitert die Klage schon daran, dass sie den völkerrechtlichen Grundsatz der staatlichen Immunität verletzt. Anwalt Kenneth McCallion, der die beiden Volksgruppen in dem Streit vertritt, hält jedoch dagegen. Im Fall von Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit könne ein Land sich nicht auf Staatenimmunität berufen, sagt er. Bei der ersten Anhörung ist kein Vertreter der deutschen Regierung erschienen - dies wird am Donnerstag womöglich auch der Fall sein.

Die Chancen, in New York Reparationen tatsächlich einzuklagen, seien gering, meint Zimmerer. Die Aufarbeitung des Genozids werde nicht vor Gericht entschieden, sondern politisch geklärt. Aber „die Bundesregierung versteht nicht, welche politische Wirkung es hat, nicht zu erscheinen. Und das bei einem Thema, wo man Schuld eingestehen will und muss.“




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