Letztes Update am Mi, 11.10.2017 13:52

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Glyphosat - Vorwurf an EU-Agenturen bei Anhörung: Tumore übersehen



Brüssel/Wien (APA) - Der Krebsforscher Christopher Portier von der Universität Maastricht hat der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) erneut einen sorglosen Umgang bei der Zulassung von Glyphosat vorgeworfen. EFSA und ECHA hätten nur die Hälfte der in Studien gefundenen Tumore diskutiert, sagte Portier am Mittwoch bei einer Anhörung im EU-Parlament.

„Es werden immer noch Tumore gefunden“, sagte der Krebsforscher, der selbst die wissenschaftliche Literatur zu Tierstudien der vergangenen Jahre zu Glyphosat systematisch auf neue Funde durchsucht hat, wie er sagte. Zu der Anhörung im EU-Parlament sind mehrere Wissenschafter geladen. Der US-Agrarkonzern Monsanto, der mit seinem Glyphosat-haltigen Unkrautvernichtungsmittel Roundup die Diskussion ausgelöst hatte, hat sich geweigert, an dem Hearing teilzunehmen. Daraufhin haben die Fraktionsvorsitzenden des EU-Parlaments beschlossen, den Monsanto-Lobbyisten ihre Zugangsausweise zum Parlament zu entziehen.

Ebenfalls abwesend war das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), dabei stützt sich die Einschätzung der EFSA, dass der Wirkstoff vermutlich keine Krebsgefahr für den Menschen berge, auf die Einschätzung des BfR. „Es ist absolut inakzeptabel, wenn eine Behörde, die eine wissenschaftlich umstrittene Risikobewertung vorgelegt hat, sich danach einfach weigert, vor den gewählten Volksvertretern dafür Rede und Antwort zu stehen“, kommentierte Helmut Burtscher, Umweltchemiker von Global 2000 das Nichterscheinen.

Das Internationale Krebsforschungszentrum IARC hat die Chemikalie als „wahrscheinlich“ krebserregend einstuft. Die IARC-Toxikologin Kate Guyton erklärte, die Einrichtung der WHO habe nur begrenzte Beweise für eine Kanzerogenität von Glyphosat bei Menschen gefunden, aber ausreichende Beweise bei Tieren.

Die EU-Kommission hat auf Grundlage der Bewertungen der EU-Agenturen vorgeschlagen, die Zulassung von Glyphosat, die zu Jahresende in der EU ausläuft, für weitere zehn Jahre zu verlängern. Mehrere EU-Staaten, darunter Österreich, stehen dem skeptisch bis ablehnend gegenüber.

„Das blinde Vertrauen der Europäischen Kommission und ihres Präsidenten in EFSA und ECHA führt zu vielen Fragen. Die EU-Kommission setzt ihre Verantwortlichkeit aufs Spiel und versagt in ihrer Aufgabe als Garant des allgemeinen Interesses in der EU“, kritisierte der französische sozialistische Abgeordnete, Eric Andrieu.

Auch die Brüsseler Lobby-Wächter „Corporate Europe Observatory“ forderten, dass die EU-Agenturen „unabhängig von Unternehmen werden, deren Produkte sie evaluieren, und ihre Bewertungen müssen transparenter sein“.

Der Chef der Pestizid-Abteilung der EFSA, Jose Tarazona, wies Vorwürfe der Intransparenz seiner Behörde zurück. Es stimme auch nicht, dass die EFSA bei ihrer Prüfung nicht alle Bereiche abgedeckt habe, sagte er. Die europäische Chemikalienagentur sei zu dem Schluss gekommen, dass Glyphosat nicht krebserregend sei. Es werde immer behauptet, dass nur die Industrie Studien durchgeführt habe, was aber nicht stimme. Alle Bewertungen der EFSA seien öffentlich einsehbar. Es gehe nicht nur um Monsanto, sondern insgesamt um 24 Unternehmen. Diese hätten Hunderttausende Seiten an Dokumentation liefern müssen. Die Agentur habe 1.500 Studien zur Toxizität durchgeführt. Auch die Behörden von Japan, Kanada und Neuseeland hätten den EFSA-Befund bestätigt.

Konträr in Sachen Transparenz ist die Meinung der österreichischen NGOs: Greenpeace fordert eine offizielle Untersuchung der „Monsanto Papers“ durch das Europäische Parlament. „Angesichts dieser skandalösen Enthüllungen darf nicht einfach zu einem ‚business as usual‘ übergegangen werden“, sagte Sebastian Theissing-Matei, Landwirtschaftssprecher bei Greenpeace in Österreich zu den „Monsanto Papers“

„Spätestens seit ein Sachverständigengutachten bestätigte, dass das BfR seine Bewertungen zur Krebsgefahr von Glyphosat in wesentlichen Teilen von Monsanto abgeschrieben hat, fehlt für eine Zulassungsverlängerung jegliche wissenschaftliche Legitimität“, sagte dazu Burtscher. Global fordert die EU-Kommission dazu auf, ihren Vorschlag für eine Wiederzulassung von Glyphosat zurückzuziehen und setzt sich ebenfalls einen Untersuchungsausschuss ein.




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