Letztes Update am Mi, 11.10.2017 19:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Katalonien - Deutsche Pressestimmen: „Ein Hauch von Vernunft“



Barcelona/Madrid (APA/dpa/AFP) - Deutsche Pressestimmen zum Katalonien-Konflikt vom Mittwochabend:

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

„Die katalanische Gesellschaft ist tief gespalten und der Konflikt mit Madrid könnte jetzt an einen Punkt gelangen, der zu Gewalt führt. Es war sicher ein Fehler, dass Spanien in der Vergangenheit keinen Weg gefunden hat, das große Autonomiebedürfnis der Katalanen im Rahmen der Verfassung zu befriedigen; Ministerpräsident Rajoy hatte daran seinen Anteil. Das rechtfertigt aber nicht die Rechtsbrüche der katalanischen Führung. Spanien ist keine Diktatur, sondern ein Rechtsstaat, in dem es ordentliche Verfahren für politische Veränderungen gibt. Dass in Madrid nun eine Kommission eingesetzt werden soll, um die spanische Verfassung zu überarbeiten, weist den richtigen Weg. Puigdemont dürfte sich aber schwer tun, darauf jetzt noch einzuschwenken, nachdem er den Geist der Unabhängigkeit aus der Flasche gelassen hat.“

„Frankfurter Rundschau“:

„Ein Hauch von Vernunft weht durch Spanien. Sowohl in Madrid als auch in Barcelona haben sich die führenden Politiker für den Moment auf das wichtigste Kapital besonnen, das sie noch haben: Zeit. Jetzt fragt sich, ob beide Seiten die Zeit zu nutzen wissen. Das würde zunächst bedeuten, von der kindischen Sichtweise herunterzukommen, dass Gut und Böse klar zu unterscheiden seien. Von Barcelona aus wäre anzuerkennen, dass eine reformierte Form der Autonomie innerhalb Spaniens dem Volkswillen am ehesten entspräche. Madrid aber müsste verstehen, dass die Motive vieler Katalanen nicht einfach nationalistisch sind, sondern mit realen historischen, politischen und sozialen Demütigungen zusammenhängen.“

„Süddeutsche Zeitung“ (München):

„Das spanische System des Finanzausgleichs zwingt die Regionalregierungen in der Regel, das Geld in Madrid abzuliefern, von dort aus wird es neu verteilt. Ein Land wie Spanien mit derartigen kulturellen Fliehkräften aber braucht einen Föderalismus, der diesen Namen verdient; die Frage ist nur, ob der sture Galicier Mariano Rajoy das begreift. Die Katalanen, die mit Recht auf ihre kulturelle Identität pochen, wiederum müssen begreifen, dass die Ziehung von Grenzen nicht der Weg ist. Separatismus ist in Zeiten der Globalisierung so modern wie eine Schreibmaschine im Zeitalter des Computers.“




Kommentieren