Letztes Update am Do, 12.10.2017 08:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Habjans Kreisler-Festspiele: „Wien ohne Wiener“ im Volkstheater



Wien (APA) - Es ist ein mehr als ungewöhnlicher Abend, den Nikolaus Habjan dem Volkstheaterpublikum beschert: Mit dem Georg-Kreisler-Liederabend „Wien ohne Wiener“ hat der Regisseur und Puppenspieler einen Coup gelandet. Heiter und wolkig, bissig und charmant zugleich sind die knapp zwei Stunden, in denen sechs Schauspieler, neun Puppen und die Osttiroler Musicbanda Franui die Wiener Seele ausloten.

Bei der Premiere am Mittwochabend bot man den Zuschauern unverhofft eine laut Volkstheater-Direktorin Anna Badora „einmalige“ Vorstellung, war doch mit dem erkrankten Christoph Rothenbuchner ein Darsteller ausgefallen, in dessen Rolle Regisseur Habjan kurzfristig schlüpfte - und wie. Habjan hat die Liedtexte in der Vorbereitung ganz eindeutig tief eingeatmet und unwiderruflich in seinen Kreislauf aufgenommen, sodass er vor Energie, Stimmgewalt und Bühnenpräsenz nur so strotzt. Da passt er gut zu den restlichen Akteuren, die nicht nur schauspielerisch, sondern auch stimmlich überzeugen konnten. Allen voran Günter Franzmeier, der mit überraschender stimmlicher Bandbreite brillierte, gefolgt von Gabor Biedermann, Isabella Knöll, Claudia Sabitzer und Stefan Suske.

28 Lieder und kurze Sprechtexte umfasst der Abend, der einen Bogen vom titelgebenden „Wien ohne Wiener“ über das sarkastische „Taubenvergiften (Frühlingslied)“ bis hin zum todtraurigen und zum Brüllen komisch umgesetzten „Lied für Kärntner Männerchor“ spannt. Musikalisch reiten Franui von ihrem Podest auf der Drehbühne mal mit Zurückhaltung, mal mit Inbrunst quer durch die Genres vom Walzer über den Tango bis zu Klezmer. Habjan hat dafür eine Choreografie geschaffen, die die einzelnen „Everblacks“ nicht bloß als Aneinanderreihung einzelner Lieder erscheinen, sondern durch sanfte Übergänge und inhaltliches Ineinandergreifen verschmelzen lässt.

Auf der Bühne (Denise Heschl) ziehen allerlei Vorhang-Kombinationen durch, im Titellied „Wien ohne Wiener“ bestrahlt ein Overhead-Projektor die Wiener Skyline, die Schritt für Schritt demontiert wird. Denn „Wien ohne Wiener“, das wäre „ein Gewinn für den Fremdenverkehr! / Die Autos ständen stumm / das Riesenrad fallert um / und die lauschigen Gassen wär‘n leer“.

Dass die Texte von Georg Kreisler (1922-2011), der 1938 aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrieren musste und 1955 als US-Staatsbürger zurückkehrte, teils auch heute noch erschreckend aktuell sind, zeigt sich im Laufe des Abends immer wieder, etwa bei „Begräbnis der Freiheit“ oder dem „Kapitalistenlied“: Letzteres wird von einer Puppe geschmettert, deren Züge frappant an Sebastian Kurz erinnern. Damit dies auch niemandem entgeht, leitet man das Stück noch mit dem Ruf „Die Zukunft ist - kurz“ ein. Dies bleibt jedoch der einzige Moment, in dem es Habjan in seiner Regie etwas übertrieben hat mit dem Fingerzeig.

Es ist ein Genuss, den lebensgroßen Puppen bei ihren Auftritten, bei denen sie meist von zwei Schauspielern zugleich (einer ist für die Hände zuständig, der andere für den Kopf samt Mundbewegungen) bedient werden, zuzusehen. Es sind verzerrte, unheimliche Gestalten, die als Karikaturen der Wiener umgehen wie Geister aus einer längst vergangenen Zeit. Apropos Geister: Den vielbeklatschten Abschluss bildete in der Zugabe „Der Tod muss ein Wiener sein“. Das Publikum würdigte das Gebotene mit lang anhaltendem Jubel, in dem Habjan es ganz nebenbei schaffte, als Schauspieler auszuscheren, um sich selbst als Regisseur auf die Bühne zu holen, um den Applaus noch einmal ordentlich anschwellen zu lassen.

(S E R V I C E - „Wien ohne Wiener“, Ein Georg-Kreisler-Liederabend von Nikolaus Habjan und Franui, Uraufführung im Volkstheater. Mit Günter Franzmeier, Gabor Biedermann, Isabella Knöll, Claudia Sabitzer, Stefan Suske und Christoph Rothenbuchner. Weitere Termine: 14., 15., 23., 27. und 30. Oktober, 5., 10., 15., 16., 18., 19. und 30. November sowie im Dezember. Infos und Karten unter Tel. (01) 52 111-400 oder www.volkstheater.at)




Kommentieren