Letztes Update am Do, 12.10.2017 09:46

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internationale Pressestimmen zum Katalonien-Konflikt



Barcelona/Madrid (APA/dpa) - Zur Situation in Katalonien schreiben die Zeitungen am Donnerstag:

„El Mundo“ (Madrid):

„Spanien steht am heutigen Nationalfeiertag der größten Herausforderung der vergangenen vier Jahrzehnte gegenüber. Aber die politischen Ereignisse der letzten beiden Tage eröffnen ein Szenario mit der Möglichkeit, dass sich Katalonien noch vom Rande des Abgrunds wegbewegen kann. Der Ball liegt jetzt auf der Seite von (Kataloniens Regierungschef Carles) Puigdemont, einem lächerlich messianischen Führer, der in die Geschichte eingehen wird, weil er die katalanische Gesellschaft zerbrochen und den Staat einer Erpressung unterworfen hat, die jede der legitimen Mächte dazu zwingt, mit größtmöglicher Verantwortung zu handeln.“

„Politiken“ (Kopenhagen):

„Obwohl die Partner weit entfernt voneinander sind und unterschiedlich auf den Konflikt blicken, sollte eine freundschaftliche Lösung nicht unmöglich sein. Es gibt viele Modelle und Zwischenstadien zwischen einem zentral gesteuerten Land und einer entschiedenen Loslösung. Alles von mehr Autonomie bis zu einer Selbstverwaltung im Stil Grönlands sollte auf die Tagesordnung. Es ist keine Selbstständigkeit, wie die Regierung Kataloniens sie sich wünscht, doch es ist ein Anfang.“

„Nepszava“ (Budapest):

„Seit Jahren verspricht der katalanische Regierungschef seinen Landsleuten ein Paradies, welches mit der Unabhängigkeit kommen würde. Er verfolgt dieselbe Strategie wie die Brexit-Anhänger vor der Brexit-Volksabstimmung im vergangenen Jahr. Diese verbreiteten sogar Falschmeldungen darüber, wie gut alles sein würde, wie viel Geld in der Londoner Staatskasse bleiben, wie toll das Lebensniveau steigen würde, ist man bloß einmal raus aus der EU. Das Ergebnis ist dasselbe. Aus London wandern reihenweise die Banken und Firmen ab. Auch aus Katalonien flieht das Kapital panikartig, obwohl noch kein unabhängiger Staat da ist. Selbst der Fremdenverkehr zeigt plötzlich Krisenerscheinungen. Die Investoren schätzen Stabilität, ein selbstständiger katalanischer Staat wäre hingegen in der gegenwärtigen politischen Situation kaum als stabil zu bezeichnen.“

„L‘Humanite“ (Paris):

„Das Europa der Konkurrenz und des Dumpings hat zusammen mit der Finanzkrise 2008 zu größeren Rivalitäten und Unterschieden zwischen den Regionen geführt und den Nationalismus sowie Abspaltungsbestrebungen verstärkt. In Italien halten die beiden reichsten Regionen Lombardei und Venetien in rund zehn Tagen ein konsultatives Referendum über die Unabhängigkeit ab. Die Krise in Spanien muss durch Dialog gelöst werden. Aber Europa muss auch seine Haltung hinterfragen und sich der Zusammenarbeit und Solidarität öffnen.“

„Nürnberger Nachrichten“:

„Gegen die Abspaltung eines vergleichsweise reichen Landesteils wie Katalonien spricht auch der solidarische Gedanke: Natürlich finanzieren die stärkeren schwächere Landesteile mit. Das ist auch gut so, zumal die Verhältnisse sich ändern können. Siehe Deutschland: Bayern, einst Empfängerland, zahlt heute mit Abstand die größte Summe in den Länderfinanzausgleich ein. Kein vernünftiger Mensch käme deshalb auf die Idee, eine Loslösung aus der Bundesrepublik zu fordern.“

„Duma“ (Sofia):

„Warum hat (Kataloniens Regierungschef Carles) Puigdemont nun seine Wähler enttäuscht? War er vor dem Referendum nicht mit den Folgen im Klaren? (.) Worauf hofft Puigdemont heute? Durch das (Unabhängigkeit-) Votum die zentrale Macht zu erpressen? Sollte dies so sein, dann irrt er sich enorm, weil er so Katalonien in eine äußerst schwache Position versetzt. Oder man hat ihn in Brüssel zurechtgewiesen. Deswegen fährt er so elegant im Rückwärtsgang.“




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