Letztes Update am Fr, 13.10.2017 08:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Frau am Steuer in Saudi-Arabien - Buch über einen Tabubruch



München/Riad (APA/dpa) - Manal al-Sharif setzt sich im Sommer 2011 in Saudi-Arabien ans Steuer eines Autos und fährt los. Was die meisten erst einmal nicht spektakulär klingt, ist für das Königreich ein Skandal. Die heute 38-Jährige leistet mit ihrer Aktion, die sie filmen lässt und ins Internet stellt, zivilen Ungehorsam.

Die Konsequenz dieser kleinen Spritztour, die als YouTube-Video um die Welt geht: neun Tage Gefängnis. Denn Frauen dürfen in ihrem Heimatland nicht Auto fahren - das soll sich aber bald ändern.

Das Verbot soll im Juni 2018 fallen. So hat es das Königshaus in Riad in einem weltweit viel beachtet Dekret am 26. September bestimmt. Ein Datum, das Sharif wohl für immer im Gedächtnis bleiben wird. „Ich konnte es nicht glauben, ich fing an zu weinen“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. Diese kleine Revolution für zahllose saudi-arabische Frauen erreichte sie als Nachricht auf dem Smartphone zu Hause. „Ich war so glücklich“, sagt Sharif: „Ich hatte niemanden, den ich umarmen konnte. Deshalb bin ich vor lauter Freude einfach in die Luft gesprungen.“

Mit ihrem Buch „Losfahren“ ist sie gerade in Deutschland und Österreich unterwegs. Darin beschreibt die zweifache Mutter den Tag im Jahr 2011, an dem sie ins Gefängnis gebracht wurde. „Die Geheimpolizei kam um 02.00 Uhr in der Früh, um mich zu holen“, lauten die ersten Zeilen. Unter dem Druck einer internationalen Protestbewegung kam sie wieder frei. Ihr Vater habe auch beim König für die Fahraktion seiner Tochter um Verzeihung bitten müssen, berichtet Sharif bei einer Lesung im Volkstheater München. Der König habe zwei Worte gesagt: „Erzieht sie.“

Bei diesem Satz zeigt sich die eigentlich so schlagfertige Frauenrechtlerin erschüttert. „Frauen werden ihr ganzes Leben lang wie Kinder behandelt - vom Tag der Geburt bis zum Tod“, sagt Sharif. Sie bräuchten das Einverständnis ihres männlichen Vormunds, um beispielsweise heiraten oder arbeiten zu dürfen. Eine enorme Ungerechtigkeit, wie sie findet. Seit Jahren setzt sich die Frauenrechtlerin gegen die Unterdrückung in Saudi-Arabien ein.

Sharif zeigt sich in Europa unverhüllt. Sie trägt Jeans und einen Blazer und die dunklen Haare offen, macht Witze und lacht. Im Publikum sitzen vor allem junge Frauen. Aber auch Männer stellen nach der Lesung Fragen, interessieren sich für die Lage der Frauen in ihrem Heimatland.

Dass sich das geplante Ende des Fahrverbots auch außerhalb von Saudi-Arabien positiv auf die Frauenrechte in der arabischen Welt auswirken werde, bezweifelt Professorin Ulrike Freitag vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin. „Für die Frauen in Saudi-Arabien ist es ein großer Schritt, doch außerhalb eine Angleichung an bestehende Frauenrechte“, sagt die Expertin.

Im Westen gilt das Fahrverbot in Saudi-Arabien - das einzige für Frauen weltweit - als gewaltiges Symbol der Unterdrückung. Seit Jahrzehnten sind saudi-arabische Frauen, die auf den Straßen ihres Landes von A nach B kommen wollen, auf familiäre Hilfe angewiesen - oder eben auf einen Fahrer oder auf Dienstleister wie Uber, sagt Sharif, die in Mekka geboren wurde.

Unterordnen wollte sich die IT-Expertin dem Machtgefüge nicht. Sie arbeitet als eine von wenigen Frauen in einem Büro mit Männern. Als Aktivistin lässt sich Manal al-Sharif ungern bezeichnen. Jeder und jede habe doch die Pflicht, sich zu äußern, wenn etwas nicht in richtig laufe - dafür müsse man kein Aktivist sein, antwortet sie einer jungen Frau im Publikum. Diese hatte gefragt, ob Sharif sich eher als Aktivistin oder Feministin sehe.

Das Autofahren bedeute für sie und viele anderen Frauen Freiheit, sagt die Tochter eines Taxifahrers und einer Schneiderin. Es sei pure Emanzipation - es mache selbstständiger. „Der Regen beginnt mit einem einzigen Tropfen“, sagt Sharif gerne in diesem Zusammenhang.




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