Letztes Update am Fr, 13.10.2017 08:10

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Der gefährlichste Ort der Welt“: die Schule und das Internet



Wien (APA) - Mobbing, Drogen, zerplatze Träume, unverstandene Teenager und die Gefahren des digitalen Zeitalters - „Der gefährlichste Ort der Welt“ könnte in Lindsey Lee Johnsons gleichnamigem Debütroman die Highschool, aber auch das Internet sein. Die amerikanische Autorin greift wichtige Themen auf, allerdings zu viele auf einmal und zu bemüht.

Die Geschichte, angesiedelt in Mill Valley, einer reichen, lebenswerten Kleinstadt bei San Francisco, beginnt in der achten Klasse. Außenseiter Tristan verfasst einen Liebesbrief an eine Mitschülerin, an die beliebte Cally. Das Schreiben landet unter kräftiger Mithilfe von deren Freund, dem Rädelsführer Ryan (in Tristans Worten „ein Arschloch“), im Internet. Eine Mobbingwelle schwappt über Tristan hinweg und treibt ihn in den Suizid.

Sprung in die elfte und in die zwölfte Klasse: Anhand sich zu einem Ganzen zusammensetzenden Episoden, die sich jeweils um einen der Hauptcharaktere in „Der gefährlichste Ort der Welt“ drehen, schildert Johnson das Leben der Jugendlichen nach dem Selbstmord ihres Mitschülers. Der Leser trifft auf Abigail, die von ihrem Lehrer missbraucht wird, auf Dave, der von seinen ehrgeizigen asiatischen Eltern zu schulischen Höchstleistungen getrieben wird (nicht das einzige Klischee im Buch), auf den dicken Damon, der seine Komplexe mit Alkohol, Drogen und pseudorebellischem Verhalten kompensiert.

Cally hat sich mittlerweile eine Art Hippie-Clique angeschlossen und schwebt, von Tristans Suizid traumatisiert, eingeraucht durch den Alltag. Eine Party gerät außer Kontrolle, ein Mädchen muss nach einem Unfall ihren Lebenstraum begraben, Eltern sind zu beschäftigt, um sich den Problemen ihrer Kids zu stellen - damit nicht genug: ausgerechnet der Klassenschöne, der mit Mädchen nach Belieben Sex hat, wird Darsteller in Schwulenpornos, um aus seinem Leben auszubrechen. Neben zahlreichen Coming-of-Age-Storys bringt Johnson auf 300 Seiten auch noch eine Kritik an sozialen Medien wie Facebook und Twitter unter.

Die Geschichte entlarve „den amerikanischen Traum als die Illusion einer Gesellschaft, die ihrer inneren Leere zu entkommen sucht“, verspricht der Klappentext. Allerdings berührt sie nur selten, zu aufgesetzt (vor allem dann, wenn Johnson die Sprache der Jugendlichen wiedergeben versucht), zu konstruiert und voller Stereotypen ist die Story. Johnson hat einen Master in Professional Writing. „Der gefährlichste Ort der Welt“ erinnert an eine Masterarbeit, an literarisches „Malen nach Zahlen“.

(S E R V I C E - Lindsey Lee Johnson: „Der gefährlichste Ort der Welt“, Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum, dtv Verlag, gebundene Ausgabe, 304 S., 21,60 Euro)




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