Letztes Update am Fr, 13.10.2017 08:46

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Neue Bücher: Sekundärliteratur zu Gustav Ernst und Karl-Markus Gauß



Wien (APA) - **

„Die herzzerreißenden Abgründe des Gustav Ernst“ - grimmig-komischer Realismus, sinnlicher Marxismus

Wie erfasst man einen Autor, der für zwei der wichtigsten österreichischen Filme der 80er-Jahre die Drehbücher verfasst hat („Exit ... Nur keine Panik“ und „Herzklopfen“), der unermüdlich nach neuen Formen des dramatischen Ausdrucks gesucht und dennoch die Bühnenwelt nie wirklich erobert hat, der in seiner Prosa das gesellschaftliche Fundament, das politische Anliegen nie außer Acht ließ und der sich mit Literaturzeitschriften, Arbeitsgemeinschaften und Schreibakademien um die literarische Landschaft große Verdienste erworben hat? „Die herzzerreißenden Abgründe des Gustav Ernst“ heißt ein Sammelband, der zweieinhalb Jahre nach dem in der Alten Schmiede abgehaltenen Symposium um das Werk des 1944 geborenen Wieners die einstigen Beiträge dokumentiert.

„Gustav Ernst ist ein scharfsinniger Beobachter eines entgleisten Alltags und damit auch der alltäglich gewordenen Prozesse von Entsolidarisierung und politischer Radikalisierung“, schreibt Herausgeber Thomas Ballhausen in seiner Vorbemerkung und rühmt den „grimmig-komischen Realismus“ des vielschichtigen Autors, dessen Schriftenverzeichnis 27 Seiten umfasst. Beiträge befassen sich u.a. mit „Groteske, Sex und Gewalt in den Theaterstücken von Gustav Ernst“ oder seiner Tätigkeit als Herausgeber und Redakteur der Literaturzeitschriften „Wespennest“ und „kolik“. Ulrike Krawagna analysiert den 1979 erschienenen Debütroman „Einsame Klasse“, Hans Höller die zu Zeiten von Schwarz-Blau entstandene Rede „Die Frau des Kanzlers“.

Und schließlich ist auch das Transkript eines Gesprächs zwischen Gustav Ernst und Franz Schuh abgedruckt, in dem die beiden als Veteranen des Klassen- und Literaturkampfs (Schuh zu Ernst: „Du warst so eine Art Danton der Nichtrevolution, denn du hast bei diesem Marxismus die Sinnlichkeit betont....“) in der Rückschau die Frage diskutieren „Was haben wir uns erwartet?“ - „Damals, wie wir noch jung und behaart waren?“

(Thomas Ballhausen (Hg.): „Die herzzerreißenden Abgründe des Gustav Ernst“, Sonderzahl Verlag, 220 S., broschiert, 18 Euro, ISBN: 978-3-85449-453-9)

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„Von der Produktivkraft des Eigensinns“: dokumentarisches Erzählen, lustvolles Streiten

In wenigen Wochen wird der Salzburger Autor und Publizist Karl-Markus Gauß die Eröffnungsrede zur „Buch Wien“ halten. Wo immer man einen scharfzüngigen Kommentator politischer und/oder kultureller Begebenheiten braucht, ist der Herausgeber der Zeitschrift „Literatur und Kritik“ erste Wahl. Mit seinem vielschichtigen Werk befasste sich anlässlich seines 60. Geburtstags vor drei Jahren ein vom Stefan Zweig Centre und der Universität Salzburg veranstaltetes Symposium, dessen Beiträge erst jetzt in einem Band nachzulesen sind.

Es sind viele Aspekte im Wirken von Karl-Markus Gauß, die dabei angesprochen werden: Seine langjährige, kontinuierliche Tätigkeit als Kritiker etwa, seine erfolgreichen Journale und natürlich seine „Beiträge zu einer anderen Literaturgeschichte Mitteleuropas“ (Werner Michler), für die er sich enorme Verdienste erworben hat. Evelyne Polt-Heinzl zeichnet einige der Aufregungen nach, die durch die publizistische Streitlust von Gauß verursacht wurden - vom Verweigern der Teilnahme am gedankenlosen „Reiz-Reaktions-Syndrom“ bis hin zu seiner Polemik gegen den Radiosender Ö3.

Seine Reisen an die Ränder des Kontinents, die ihn zum dokumentarischen Erzähler machen, werden gleich mehrfach thematisiert. „Anders als Ransmayr oder auch Hackl hat Gauß seine Neugier auf die Welt zunächst nach der Karl-May-Methode befriedigt: durch Sammeln und Lesen. Vom Stubengelehrten, der sich mit der Reise um sein Zimmer begnügt, wagte er den Schritt zum Abenteurer“ schreibt die Germanistin Daniela Strigl in ihrem grundlegenden und lesenswerten Beitrag „Von Teddybären, dem morbus austriacus und der Neugier auf die Welt“. Und Rüdiger Görner hebt hervor: „Viel wagt noch immer oder wieder, wer in Zeiten grassierender Re-Nationalisierung empathisch ‚Europa‘ sagt.“

(Werner Michler, Klemens Renoldner, Norbert Christian Wolf (Hg.): „Von der Produktivkraft des Eigensinns. Die Literaturen des Karl-Markus Gauß“, Otto Müller Verlag, 218 S., geb., 25 Euro, ISBN: 978-3-7013-1243-6)




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