Letztes Update am Fr, 13.10.2017 10:28

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„Es gibt ein Thema und das ist der Mensch“ - Monika Helfer wird 70



Hohenems/Bregenz (APA) - Die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer will und muss „schreiben, bis ich umfalle“. Die vielfach ausgezeichnete Autorin, die mit ihrem aktuellen Werk „Schau mich an, wenn ich mit dir rede“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, feiert am 18. Oktober ihren 70. Geburtstag. Sie lebt mit ihrem Mann Michael Köhlmeier in Hohenems. Mit der APA sprach sie über ihre Anfänge und den Tod.

Monika Helfer wurde 1947 in Au im Bregenzerwald geboren und wuchs in einem Kriegsversehrtenheim bei Bludenz auf, wo ihr Vater, der im Krieg ein Bein verloren hatte, als Verwalter arbeitete. Sie begann mit elf Jahren zu schreiben. „Damals starb meine Mutter, ein absoluter Schock. Ich schrieb kleine Zettelchen, das war mein Trost, meine Rettung“, so die Autorin. Zugleich verlor sie ihr Zuhause, die Kinder wurden in der Verwandtschaft aufgeteilt. Sie kam mit ihren Schwestern zu einer Tante nach Bregenz. „Ich bin nicht verwöhnt worden. Ich bin zäh, das ist fürs Schreiben kein Schaden“, sagt sie.

Sie schrieb viel, wollte weg aus Vorarlberg und studieren, wollte „die sein, die auf dem Buchrücken steht“. Stattdessen heiratete sie mit 19 Jahren und bekam zwei Kinder. „Doch es bröckelte alles. Das war einfach nicht ich“, so Monika Helfer. 1977 erschien ihr Erstling „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“. Bei den „Randspielen“, einem Gegenfestival zu den Bregenzer Festspielen, lernte sie Michael Köhlmeier kennen, den sie 1981 heiratete. „Es war schicksalhaft. Aber wir verdienten beide kaum etwas, waren nicht einmal versichert. Wir waren Meister im Mit-wenig-Geld-leben“, erzählt Monika Helfer. Sie bekamen zwei gemeinsame Kinder: Lorenz Helfer ist Maler; Tochter Paula, die ebenfalls Schriftstellerin war, verunglückte 2003 bei einem Spaziergang am Hohenemser Schlossberg tödlich.

Ihre Tochter ist für Monika Helfer immer präsent, nicht nur auf Bildern im dschungelhaft begrünten Wohnzimmer. Auf den Schlossberg geht sie jeden Tag. „Dabei kann ich gut denken. Und Paula geht immer mit. Man kommt dem nicht aus. Es ist ein extremer Schock, wenn deine Kinder vor dir sterben. Da stimmt nichts mehr“, sagt sie. Sie konnte lange Zeit nicht schreiben, schläft seither nicht mehr durch. In „Bevor ich schlafen kann“ (2010) fand ihre Tochter Eingang in ihre Literatur, als Figur, die der orientierungslosen Protagonistin den rechten Weg weist. „In dem Fall war Literatur Medizin. Sonst halte ich nicht viel davon, zur Therapie zu schreiben, denn Literatur ist Literatur, sonst nichts“, so die Autorin. Bemitleidet werden möchte sie wegen ihrer Schicksalsschläge nicht, denn „dein Leben macht dich ja zu dem, der du bist“.

Monika Helfers Schreiben ist unverstellt. Ihren Figuren, oft Außenseiter und häufig Kinder, begegnet sie mit großer Empathie und ohne Verurteilung. „Durch meine Biografie habe ich eine Nähe zu Menschen, die irgendwie beschädigt sind“, erklärt sie. Aus oft zufälligen Begegnungen schöpft sie Inspiration. „In der Literatur gibt es ein Thema und das ist der Mensch. Ich höre den Leuten zu - und dann hab ich schon wieder eine Geschichte“, sagt sie. Neben angloamerikanischen Autoren wie Carson McCullers und Alice Munro schätzt sie besonders Tschechow: „Er war ein sehr guter Menschenbeobachter. Es klingt brutal, aber für uns Schriftsteller ist das Material.“

Anders als ihr Mann hat Monika Helfer keinen strukturierten Schreiballtag. „Ich bin sehr undiszipliniert“, bedauert sie. Erst gegen Abend setzt sie sich zum Schreiben hin, arbeitet oft in der Nacht. Zwischen den Eheleuten Köhlmeier/Helfer gibt es kein Konkurrenzdenken. „Ich freue mich für meinen Mann, wenn er Erfolg hat und umgekehrt. Neid auf andere, etwa bei Preisverleihungen, ist mir fremd, für sowas hatte ich nie Zeit“, meint sie. Über den Deutschen Buchpreis hätte sie sich zwar gefreut, gerechnet hat sie mit der Auszeichnung aber nicht: „Es wäre ja lächerlich, wenn man mit 70 Jahren dringend auf einen Preis wartet.“

In Ruhestand gehen wird Monika Helfer übrigens nicht. „Mein Mann und ich haben beide keine Pension. Wir müssen arbeiten, bis wir umfallen. Aber es wird schon irgendwie gehen. Und wenn ich dann mal 95 bin und nicht mehr schreiben kann, werde ich einfach mit dem Essen und Trinken aufhören. Das dauert dann maximal 15 Tage“, sagt sie. An den Tod denkt sie seit Paulas Unfall täglich. „Ich fürchte mich nicht davor. Mit 70 Jahren muss man sich damit auseinandersetzen“, findet sie. Derzeit hat sie Pläne für ein neues Theaterstück, ein Roman ist in Arbeit. Hauptfigur ist ein alternder Koch, der seiner Familie von seinen Lebensstationen erzählt. „Ich hab großen Spaß daran, weil es sehr komisch ist. Je mehr Tragisches man erlebt hat, umso mehr kann man das Komische schätzen“, so die Autorin.

Monika Helfer schrieb zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke sowie Hörspiele und ist Kolumnistin der „Vorarlberger Nachrichten“. Aus ihrer Feder stammen etwa „Die wilden Kinder“ (1984), „Der Neffe“ (1991), „Die Bar im Freien“ (2012) und „Die Welt der Unordnung“ (2015). Für ihr gelungenstes Werk hält sie den Roman „Oskar und Lilli“ (1994). Sie bekam zahlreiche Preise, darunter das Vorarlberger Literaturstipendium 1989, den ORF-Hörspielpreis 1994, das Robert-Musil-Stipendium 1996, den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur 1997 und den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2011. 2016 erhielt sie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.




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