Letztes Update am Fr, 13.10.2017 10:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Porträt einer Generation: Breitenfellners „Bevor die Welt unterging“



Wien (APA) - Eine typische 1970er-Jahr-Kindheit war von „Wickie, Slime und Paiper“ geprägt. In den 1980er-Jahren bekam es der junge Mensch an der Schwelle zum Erwachsenen vor allem mit mächtigen Ängsten zu tun: Waldsterben und Wettrüsten, die Gefahren von Atomkrieg und Atomkraft. Das Lebensgefühl dieser Generation hat Kirstin Breitenfellner in ihrem Roman „Bevor die Welt unterging“ großartig eingefangen.

Die Publikationsliste der Wienerin, die als Autorin, Literaturkritikerin, Journalistin und Yogalehrerin arbeitet, ist breit und reicht von der Literatur („Der Liebhaberreflex“ u.a.) über das Kinderbuch (zuletzt „Lisa und Lila dürfen bleiben“) bis zum Sachbuch („Wir Opfer“). Ihr neuer Roman ist ohne Zweifel ihr bisher am stärksten autobiografisches Buch. Wie ihre Heldin Judith ist sie 1966 geboren, hat ihre Jugend in einer deutschen Kleinstadt verbracht und ist zum Studieren nach Heidelberg gegangen. So plastisch ihre Erinnerungen auch sind - nicht Judith, eine wohlbehütete Tochter aus der oberen Mittelschicht (dass der Vater ein Chemiekonzern-Manager ist, ist der friedens- und umweltbewegten sanften Revolutionärin gar nicht Recht), steht im Mittelpunkt, sondern gleich ihre ganze Generation.

Alterskollegen der Autorin können sich bei der Lektüre des Romans beinahe ständig im Spiegel sehen. Die erstmalige intensive Auseinandersetzung mit Umweltgefahren - dass der angeblich sterbende Wald immer noch recht frisch und kräftig aussieht, obwohl alle kursierenden Statistiken das Gegenteil zu belegen scheinen, ist ein Running Gag des Buches - und das intensiv wahrgenommene Bedrohungsgefühl durch den Kalten Krieg und die atomare Aufrüstung, prägen diese „bleierne Zeit“, in der die jungen Menschen das Gefühl haben, um ihr Leben betrogen zu werden, noch ehe es richtig begonnen hat. Dazu kommt, dass auch die Phase der sexuellen Revolution, in der, unterstützt durch die Entwicklung der Antibaby-Pille, Partnerwahl nicht mehr eine Lebensentscheidung sein musste, an ein Ende kam: Die ersten Aids-Fälle ließen eine Veränderung des Sexualverhaltens dringend geboten erscheinen.

Liebe und Politik sind die bestimmenden Elemente, mit denen sich alle in der Clique rund um Judith auseinanderzusetzen haben. Man liest „Der Papalagi“ und den „Spiegel“, diskutiert mit progressiven Lehrern und rauschebärtigen Weltverbesserern (Hoimar von Ditfurth wird bei Breitenfellner aus unverständlichen Gründen zu Diethelm von Dillingen), geht auf Friedensdemos, engagiert sich in Bürgerinitiativen, sieht „Holocaust“ und „Roots“ im Fernsehen, erfährt bei Besuchen in Ost-Berlin den Schmerz der deutschen Teilung und versucht sich in einer Welt einzurichten, die verloren scheint.

„Bevor die Welt unterging“ ist mehr mentalitätsgeschichtliche Spurensicherung als elaborierter Roman. Im Zentrum stehen nicht differenzierte Figuren sondern kollektive „Ja, so war es!“-Bestätigungen. Streckenweise liest sich dieses Buch über die eigene Jugend wie ein Jugendbuch. Auch die heutige Erzählperspektive trägt zur Entschärfung bei. Die Erzählerin weiß daher, wie nahe die Welt im Kalten Krieg zeitweise wirklich vor dem Atomkrieg stand, was tatsächlich in Tschernobyl geschah und auch, dass die „bleierne Zeit“ 1989 plötzlich unerwartet in einem freudigen Aufbruch enden wird.

Nach der „Wende“ konnte das Leben endlich beginnen. Eine Zukunft war möglich! Sie war so groß und so ungewiss. Nicht allerdings für die Erzählerin von „Bevor die Welt unterging“. Sie konstatiert bereits auf der ersten Seite: „Wenn sie dann eines Tages wirklich erwachsen sein würde, würde sich niemand mehr nach Freiheit sehnen, sondern alle nur noch nach Regeln schreien. (...) Alle würden nach Sicherheit rufen, weil es noch schwerer sein würde, Krieg und Frieden zu unterscheiden als damals, in den achtziger Jahren, als der Krieg noch kalt war und in einem heißen Blitz zu enden drohte.“

(S E R V I C E - Kirstin Breitenfellner: „Bevor die Welt unterging“, Picus Verlag, 232 S., 22 Euro, Buchpräsentation am 19. Oktober, 19 Uhr, in der Buchhandlung Orlando, Wien 9, Liechtensteinstraße 17, www.kirstinbreitenfellner.at)




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