Letztes Update am Sa, 14.10.2017 10:31

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fake New World: „Vereinte Nationen“ im Volx/Margareten



Wien (APA) - Dschungelcamp am Margaretengürtel: Ein Studioambiente mit Rundhorizont, in Comic-Manier gezeichnete Exotik-Fauna-Kulissen, ein blauer Meeres-Plastikboden und ein verschiebbares Holzgestell, von dem aus gefischt wird - das ist das Setting für die erste Wiener Aufführung von „Vereinte Nationen“. Doch Regisseurin Holle Münster umkreist das Stück assoziativ, ohne seinem Kern wirklich nahe zu kommen.

Der im Jänner in Mannheim uraufgeführte Dramen-Erstling des für seine Romane („Die Frequenzen“ u.a. ) gefeierten österreichischen Autors Clemens J. Setz zeigt eine Kleinfamilie, deren Alltag durch eine sonderbare Erwerbstätigkeit aus den Fugen gerät: Szenen, in denen die siebenjährige Tochter Martina (vorzugsweise als „kleine Maus“ angesprochen) erzieherisch gemaßregelt wird, werden heimlich mitgefilmt und über ein professionelles Vertriebsnetz an einen sich stetig vergrößernden Kundenkreis verschickt. Der Erfolg erzeugt Druck, nicht nur, weil härterer Stoff (wie Schlagen oder Spielzeug Zerstören) vermutlich noch besser gehen würde, sondern weil plötzlich keine „natural“-Szenen mehr gelingen. Auch die Produktion im Volx/Margareten, die am Freitagabend Premiere hatte, wirkt allzu bemüht locker. Von der vielschichtigen Gesellschafts- und Mediensatire ist kaum mehr etwas übrig geblieben.

Holle Münster hat in dieser Koproduktion mit dem Max Reinhardt Seminar den Stücktext gekürzt, umgestellt und mit zusätzlichen Texten versehen. Es geht ihr nicht um eine Handlung oder Entwicklung, es geht ihr um ein Grundgefühl der vorgetäuschten Realität, das sie in einem Feuerwerk an Effekten zu illustrieren versucht. Eingekleidet im Bunten-Blümchen-Adidas-Look (Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm) werden Föhns zu Telefonen und Mikrofonen, wird ständig mit „stop“, „repeat“, „loop“ und anderen Befehlen in das Spiel eingegriffen, ohne dass daraus in irgendeiner Weise Gewinn gezogen würde. Alle eingesetzten Effekte verpuffen ebenso wirkungslos wie der an sich schön gesetzte Truman-Show-Moment eines plötzlich herabfallenden Scheinwerfers. Doch Margareten ist nicht Seahaven. Die Fake New World bekommt keinen Sprung.

Im Konzept dieses 80-minütigen Abends ist differenzierte Rollengestaltung gar nicht vorgesehen, und so bemühen sich Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener als Eltern, Nelida Martinez als Tochter und Emilia Rupperti sowie Anton Widauer als Video-Vermarkter ebenso redlich wie vergeblich, bleibende Eindrücke zu hinterlassen. Während kürzlich bei der Österreichischen Erstaufführung des Stücks in Graz Matthias Schönsee das Potenzial des Stückes zwar nur angedeutet, es aber immerhin ernst genommen hat, gab‘s bei diesen „Vereinten Nationen“ bloß viel heiße Luft, viel Selbstdarstellung und viel Herumgerede. Eine ermüdende Sitzung ohne Resultate.

(S E R V I C E - „Vereinte Nationen“ von Clemens J. Setz, Regie: Holle Münster (Prinzip Gonzo), Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm, mit Philipp Auer - Anton, Nelida Martinez - Martina, Emilia Rupperti - Jessica, Clara Schulze-Wegener - Karin, Anton Widauer - Oskar. Volx/Margareten, Koproduktion mit Max Reinhardt Seminar, Nächste Vorstellungen: 17., 21.10., 3., 30.11., 20 Uhr, Karten: 01/52111400, www.volkstheater.at)

(B I L D A V I S O – Bilder wurden am 11.10. über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)




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