Letztes Update am Sa, 14.10.2017 10:46

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tabuthema Extremismus - Kirgistan als IS-Brutstätte?



Bischkek (APA/dpa) - Das kleine Kirgistan sorgt in diesem Jahr für große Schlagzeilen: Ein Extremist mit Verbindung zu dem zentralasiatischem Land sprengt sich in der St. Petersburger Metro in die Luft. Doch wie denken die Kirgisen über IS-Terroristen aus dem eigenen Land?

Auf der Lenin-Straße nahe der kirgisischen Hauptstadt Bischkek reihen sich kleine Verkaufsbuden und einstöckige Häuser. Kinder laufen durch einen Park, der zur Gesamtschule Nr. 2 im Dorf Nowopokrowka führt. Alles scheint ruhig in der Siedlung, in der mehrere Tausend Menschen leben. Doch in dieser alltäglichen Routine soll die Terrormiliz Islamischer Staat in der muslimisch geprägten Ex-Sowjetrepublik massiv nach Anhängern suchen.

Wen man auch in Bischkek auf die Terroristen anspricht, beinahe jeder kann etwas dazu sagen. Selbst der Taxifahrer Alexander will Bescheid wissen: Der IS rekrutiert in dem Dorf besonders junge Menschen. Doch warum sich viele Kirgisen den Extremisten anschließen, darüber spricht öffentlich niemand - schon gar nicht Politiker. „Das ist nicht einmal Thema in den Wahlprogrammen“, sagt er. „Dafür gibt es nur ein Wort: fahrlässig.“

Kirgistan ist in diesem Jahr in die internationalen Schlagzeilen gekommen: Im April explodierte eine Bombe in der Metro im russischen St. Petersburg - und tötete mehr als ein Dutzend Menschen. Die Ermittler fanden schnell einen Täter: einen jungen Mann aus dem Süden des zentralasiatischen Landes. Gleich darauf hoben sie eine Terrorzelle kirgisischer Gastarbeiter aus.

Der Geheimdienst in Bischkek bot rasch Hilfe zur Aufklärung an und stellte klar: Man habe nichts zu verbergen, weil man das IS-Problem im Griff habe. „Der IS bedeutet auch einen Imageschaden für unser Land“, sagt die kirgisische Politikwissenschaftlerin Elmira Nogojbajewa der Deutschen Presse-Agentur. Der Geheimdienst bestätigt immer wieder die Festnahme mutmaßlicher Terroristen.

Das Land kann schlechte Nachrichten nicht brauchen: Kirgistan hat in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt, nach Reformen gilt das Land mit rund sechs Millionen Einwohnern in Zentralasien als Insel der Demokratie. Weil die Gesellschaft relativ tolerant ist, suchen auch Extremisten aus den autoritär geführten Nachbarländern Usbekistan und Tadschikistan sowie aus Afghanistan hier Zuflucht.

Es gibt Organisationen wie Common Ground, die junge Menschen vorm Abrutschen in den Extremismus abhalten wollen. Sie vermitteln Kontaktpersonen, die im Land zur Aufklärung unterwegs sind. Um ihre Klienten zu schützen, wollen sie nicht über ihre Arbeit sprechen.

Doch für die Direktorin Farida Achmetowna ist der IS schon lange kein Tabuthema mehr. Denn ihrer Schule in Nowopokrowka sind Anwerber schon nahegekommen. „Sie locken mit Versprechungen und Dingen, die wir ihnen nicht bieten können“, sagt sie. Das könne bisweilen auch eine warme Mahlzeit pro Tag sein.

Kirgistan zählt zu den ärmsten Ländern der Region. Rund ein Drittel der jungen Bevölkerung ist arbeitslos, viele verdienen ihr Geld als Gastarbeiter in Russland. Die Volkswirtschaft ist wie in keinem anderen Land weltweit von Überweisungen aus dem Ausland abhängig. Nach Angaben der Weltbank kommen rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus dem Ausland. Armut ist ein Grund, warum sich Kirgisen freiwillig dem IS anschließen. Einige machten dies auch aus Überzeugung, wieder andere gerieten eher zufällig hinein.

Genaue Zahlen zu den IS-Anhängern gibt es nicht. Nach Angaben der International Crisis Group aus dem Jahr 2016 sollen rund 500 Kirgisen dem Ruf des IS gefolgt. Experten sehen die Wurzel zur Radikalisierung vor allem im maroden Bildungssystem. Schlecht ausgebildete Kirgisen ohne Fremdsprachenkenntnisse oder Fachausbildung locken keine ausländischen Investoren in das Land, neue Arbeitsplätze sind rar. Für die Jungen bedeutet das ein Leben ohne Perspektive. Besonders in armen Regionen kennen viele ihre Berufsmöglichkeiten nicht.

Unter Farida Achmetownas Aufsicht werden knapp 2000 Kinder unterrichtet - teilweise mit jahrzehntealten Büchern, junge Lehrer gibt es kaum. Die Schule ist sauber, in den Klassenräumen hängt der Geruch von Putzmitteln. Doch die Infrastruktur scheint wie aus einer anderen Zeit: Es gibt Plumpsklos im Freien, Reparaturen in den Klassen übernehmen meist die Eltern - unbezahlt. „Geld haben wir kaum“, sagt Farida Achmetowna. Die Schule sei noch im selben Zustand wie vor Jahrzehnten zu Sowjetzeiten, als Bischkek noch Frunse hieß. Eine Modernisierung des Gebäudes oder des Lehrplans gab es nicht.

„Einige suchen dann den leichten Weg, um schnell an Geld zu kommen“, sagt die resolute Schulleiterin. Sie kenne Familien im Dorf, deren Söhne vor Monaten in Richtung Syrien aufbrachen und nicht zurückkehrten. Eine Mutter habe ihr erzählt, der Sohn sei bei einem Motorradunfall in der Türkei gestorben. Das sei die offizielle Version, sagt Farida Achmetowna. Denn jeder in Nowopokrowka wisse, dass der junge Mann sich Extremisten angeschlossen habe. Die Mutter wolle es nicht wahrhaben und schon gar nicht öffentlich reden.

Doch für Farida Achmetowna stehe auch fest: „Das ist doch Zufall, dass Attentäter Verbindungen zu unserem Land haben.“ Die Miliz sei in vielen Ländern aktiv. Viele Kirgisen radikalisierten sich zudem erst im Ausland, vor allem in Russland. „Dort werden sie als minderwertige Arbeitskräfte angesehen und bleiben isoliert.“ So habe der IS leichte Beute.

Für die Expertin Nogojbajewa ist das nur eine Erklärung. Die Regierung müsse den Kirgisen in der Heimat eine Perspektive bieten. Das Land brauche eine Identität jenseits von Religion, Nostalgie oder Nationalismus. Taxifahrer Alexander ist pragmatisch: „Vielleicht sollten wir einfach mal über das Problem reden.“




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