Letztes Update am Di, 19.12.2017 05:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1918/2018 - Rumänische Nationalfeiern von Debatten überschattet



Bukarest (APA) - Für Rumänien sollte der 1. Dezember 2018 ein ganz besonderes Fest sein. Denn an diesem Tag jährt sich zum 100. Mal die Ausrufung des Beitritts Siebenbürgens und anderer mehrheitlich rumänischsprachiger Gebiete des Königreichs Ungarns zu Rumänien.

Doch das Jubiläum des Ereignisses, dessen Jahrestag alljährlich als Nationalfeiertag begangen wird, ist bisher hauptsächlich von organisatorischem Chaos wie von politischen Diskussionen geprägt. So wurden Äußerungen von Hunor Kelemen, Chef der im Parlament vertretenen Ungarnpartei UDMR (ungarisch RMDSZ), wonach die ungarische Minderheit in Rumänien nichts zu feiern habe, von rumänischer Seite sehr negativ aufgenommen. Als Reaktion darauf hat im November der Ehrenrat des höchsten nationalen Ordens „Stern Rumäniens“ beschlossen, Kelemen diesen ihm im Jahr 2000 verliehenen Orden zu entziehen. Diese Rücknahme durch Präsident Klaus Johannis (Iohannis) ist bis dato allerdings nicht erfolgt.

Doch was ist an diesem 1. Dezember 1918 in der siebenbürgischen Stadt Karlsburg (rumänisch Alba Iulia, ungarisch Gyulafehervar) eigentlich passiert? „Die Rumänen hatten zuvor ihren eigenen Nationalrat gegründet, deren Nukleus rumänische Abgeordnete im ungarischen Reichstag sowie rumänische Sozialisten bildeten“, schildert der Historiker Oliver Schmitt von Institut für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien im APA-Gespräch. Diese Versammlung aus Vertretern der schmalen rumänischen Elite in Ungarn - Anwälten, Lehrern, Geistlichen - erklärte dann in einer Großversammlung den Anschluss von Siebenbürgen, dem Banat, Maramures und dem Kreischgebiet (Crisana) an Rumänien.

Dabei war es bis zu einem solchem deklarierten Separatismus ein langer Weg gewesen, waren die Rumänen Ungarns und Siebenbürgens doch den Habsburgern gegenüber bis 1918 loyal eingestellt. Doch nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867 waren aufgrund der ungarischen Magyarisierungsbestrebungen die Forderungen der Rumänen nach mehr Rechten wiederholt gescheitert. Letztlich fiel jedoch erst im Spätherbst 1918 die Entscheidung für einen Beitritt zum Königreich Rumänien - und damit für die Vereinigung aller Rumänischsprechenden in einem Staat - zu stimmen.

Die Karlsburger Deklaration beinhaltet allerdings auch zahlreiche Punkte, in denen von der Sicherung der Bürger- und Minderheitenrechte die Rede ist, darunter der „nationalen Freiheit“ aller Volksgruppen. „Man muss den Rumänen zugute halten, dass sie die anderen Bevölkerungsgruppen nicht so behandeln wollten, wie sie selbst im Königreich Ungarn behandelt worden waren“, sagt Universitätsprofessor Schmitt. Diesen Zusicherungen hätten auch die Siebenbürger Sachsen Glauben geschenkt, die kurz darauf ebenfalls dem Beitritt zustimmten. Diese Ziele seien allerdings in dieser versprochenen Form dann im rumänischen Nationalstaat nicht verwirklicht worden.

Rumänien, das erst 1916 aufseiten der Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat, hatte den Krieg militärisch ja eigentlich verloren. Doch weil es am Ende auf der Seite der Sieger stand, konnte es trotzdem weitreichende Gebietsforderungen erheben. So marschierten rumänische Truppen Ende 1918 in Siebenbürgen ein, was nahtlos zum Ungarisch-Rumänischen Krieg führte, der erst im August 1919 mit dem Einmarsch rumänischer Truppen in Budapest beendet wurde.

Nach derartigen Erfolgen konnte Bukarest leicht seine Forderungen nach den ungarischen Ostgebieten wie auch der österreichischen Bukowina bestätigen, die bei den Friedensverträgen von 1919-1920, insbesondere dem Vertrag von Trianon mit Ungarn, von der Entente großteils abgesegnet wurden. Die Bevölkerung des neu entstandenen großrumänischen Staates bestand freilich nun zu 15 Prozent aus nationalen Minderheiten, insbesondere Ungarn - die im nunmehr zentralrumänischen Szeklerland gar die absolute Bevölkerungsmehrheit stellten -, aber auch Deutschen (im Banat und Südsiebenbürgen) oder Ukrainern (in der Nordbukowina).

Doch warum wird in der rumänischen Geschichtsschreibung der 1. Dezember 1918 so hervorgehoben und nicht ein anderes, entscheidenderes Datum? „Man will damit zeigen, dass die Leistung allein bei den Rumänen lag, ohne Unterstützung von außen“, erklärt Historiker Schmitt. „Außerdem sollte das unterstreichen, dass die Legitimität dieses Schrittes aus dem Volk heraus kam - und die Unterdrückten Gerechtigkeit erfahren haben.“

Trotz der ungebrochen nationalistischen Sicht in großen Teilen des heutigen offiziellen rumänischen Diskurses blicken manche Intellektuelle nach Schilderung Schmitts auch mit etwas Unbehagen auf die hundertjährige Bilanz der Vereinigung zurück. „Man erkennt, dass der Wunsch, dass sich alle Rumänischsprechenden als Rumänen fühlen, eher Ziel der Politik war als ein Faktum.“ Damit einher geht ein ungebrochen stark ausgeprägter Regionalismus der Rumänen aus den ehemaligen k.u.k-Gebieten gegenüber dem „Altreich“ - einschließlich eines Diskurses der „kulturellen Überlegenheit“, schildert Schmitt. Diese „westliche Mentalität“ werde sogar von Binnenmigranten aus dem „Altreich“ innerhalb kürzester Zeit übernommen und zeige sich auch etwa in Wahlergebnissen. Traditionell schneiden die derzeit regierenden Sozialdemokraten (PSD) in den ursprünglichen rumänischen Gebieten deutlich besser ab als in den früheren Habsburger-Gebieten.

Hauptbezugspunkt ist bei diesem Selbstbewusstsein allerdings nicht die Geschichte Siebenbürgens im bzw. am Rande des Königreichs Ungarn, sondern eindeutig die Habsburgerdynastie: „Joseph II. wird etwa sehr positiv als Befreier der Bauern angesehen - und auch deswegen, weil er sich nicht zum ungarischen König krönen ließ“, erzählt der Historiker. So gehe der Blick vieler Siebenbürger Rumänen auch heute noch „an Ungarn vorbei nach Wien“.




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