Letztes Update am Do, 28.12.2017 05:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Rio: Nach Fußball-WM und Olympia ist die Gewalt wieder zurück



Rio de Janeiro (APA) - Wenn Zezinho aufsteht, schaut er auf das Telefon. Mit WhatsApp-Gruppen wie „SOS Rocinha“ oder „Rocinha News“ startet seit einigen Wochen sein Tag. Sie sind die neuen Seismografen für die Gemütslage der Rocinha, der größten Favela Rio de Janeiros. Drei Jahre nach der Fußball-WM und ein Jahr nach Olympia ist die Gewalt zurück in Rio de Janeiro. Der Staat versucht, das Feuer mit Feuer zu bekämpfen.

Gab es Schüsse, war die Nacht unruhig - ein paar Mal wischen und Zezinho weiß, ob er heute eine Chance haben wird, seinem Broterwerb nachzugehen. Er ist Tourguide, man findet ihn in den sozialen Netzwerken unter Favelaadventures. Doch in letzter Zeit ist es ziemlich mau. Regelmäßig führte der Brasilo-Amerikaner, kleine Touristengruppen durch sein Viertel, das von manchen sogar als größte Favela Lateinamerikas bezeichnet wird.

+Zu Fuß. Er kennt jeden Winkel, viele Menschen, die meisten kennen ihn. Mr. Rocinha nennt er sich gerne selbst, er ist der sprichwörtlich bunte Hund, der sich sogar das Panorama seines Stadtteils auf den ganzen stämmigen Körper tätowieren lassen hat. Er hat sich auch die Plastikbänder mit dem Schriftzug „Eu amo Rocinha“, ich liebe die Rocinha, ausgedacht, die reißenden Absatz finden. Den Unterarm ziert der graffitiartige Schriftzug „Rocinha“. „Hier bin ich geboren, hier gehe ich nicht mehr weg“, sagt er stolz.

Spätestens seit Mitte September die brasilianische Armee mit 1000 Mann dort einmarschierte, wähnen sich die Cariocas, so nennen sich die Einwohner Rios, als Bewohner eines Kriegsschauplatzes. Mit dem Einmarsch der Truppen war es mit den Touren für Zezinho erst einmal vorbei. „Ich habe zehn Tage lang alle Touren abgesagt“, erzählt er. „Da gab es fast jeden Tag Schießereien.“ So langsam hat sich die Lage wieder beruhigt. Nur die Touristen kommen kaum noch.

„Der Tourismus ist am Boden“ sagt er. „Nicht nur hier. In ganz Rio.“ Sein Eindruck deckt sich mit den Erhebungen des brasilianischen Tourismusverbands CNC. In der ersten Jahreshälfte brach der Tourismusumsatz um 657 Mio. Reais ein, rund 180 Mio. Euro.

Schuld ist die Gewalt, die nach den Olympischen Spielen wieder zugenommen hat. Mehr als 50 Polizisten wurden in diesem Jahr schon im Einsatz getötet - neue Höchstmarke. Im ersten Halbjahr wurden im Bundesstaat Rio de Janeiro mehr als 2700 Menschen erschossen, zehn Prozent mehr als sonst üblich. Ein überproportional großer Teil der Opfer sind dunkelhäutige junge Männer.

Ist es eine Art Armutssafari, die vor allem ausländische Touristen in die Favelas Rio de Janeiros lockt, oder echtes Interesse an einer Lebensumwelt, der man sich in der Cidade Maravilhosa, der wunderschönen Stadt, kaum entziehen kann? Egal, wo man sich aufhält, fällt fast immer der Blick auf eine der fast 1000 Favelas, in denen nicht nur ein Großteil der Bevölkerung der 6-Millionen-Metropole lebt, sondern die zugleich auch immer wieder Ausgangspunkt der Gewalt zu sein scheinen. Das Aufflammen der Gewalt hat auch eine öffentliche Diskussion entfacht: Welchen Sinn macht da Tourismus in den Favelas?

Keinen, sagt Flavia Prista, Inhaberin des Touranbieters RioUpRio. „Warum sollte man Favelas besuchen, wenn es in Rio so viele andere und sichererer Attraktionen gibt?“ Sie sieht im Favela-Tourismus eine Invasion, eine Missachtung von Privatsphäre und letztliche ein Fehlen von „Respekt und Erziehung“.

Vor allem geführt Touren, die Touristen mit dem Jeep safariartig durch die engen Gassen chauffieren, manchmal auch in Pkws mit getönten Scheiben, bei denen nur kurz angehalten wird, um Fotos zu schießen, sieht sie sehr kritisch. Eine Handvoll Touranbieter dieser Art gibt es in Rio. Sie alle haben ihre Büros außerhalb der Favelas, im Zentrum der Stadt oder in den Stadtteilen der Südzone und arbeiten mit Guides, die ebenfalls nicht aus den Favelas stammen. Von dieser Art Favela-Tourismus hält Zezinho auch nichts.

Für ihn sind die Favelas ein Teil der Kultur Brasiliens, die er versucht näher zu bringen. Immerhin sind sie der Geburtsort des Samba. Bei seinen Touren erklärt er den Touristen die Eigenarten seines Stadtteils, zeigt seine DJ-Schule, besucht einen Jugendfußballclub, Künstlerateliers, Bildungseinrichtungen. Dinge, auf die man in der Rocinha auch stolz sein kann. Es sind keinesfalls nur die Schokoladenseiten, die er zeigt. Er spricht auch Probleme an: Schlechte Infrastruktur, fehlende Grundversorgung, Enge, hygienische Missstände, die Drogenkriminalität.

Seit einigen Monaten schon liefern sich die Drogenbanden Comando Vermelho („rotes Kommando“) und ADA („Amigos dos Amigos“) einen Krieg um die Vormacht. Es geht ums Geschäft. Offiziell 70.000 Menschen leben in der Rocinha, manch einer behauptet, es seien rund 300.000. Sie sind nicht der Hauptmarkt. Die Kunden leben überwiegend in den angrenzenden Nobelstadtteilen São Conrado, Leblon, Ipanema, Gávea. Dort leben auch die Menschen, die mit den Favelas generell keine Berührungspunkte haben möchten, auch wenn das Hausmädchen, das sich um Wohnung und Kinder kümmert, dort lebt. Ein Besuch in der Favela, das kommt für den Mittelklasse-Carioca nicht in Frage. Für sie sind Favelas „Kriegsgebiete“, „No-Go-Areas“, Gegenden, in denen Touristen darum bettelten, beraubt zu werden. Eine andere, eine fremde Welt - in der eigenen Stadt.

Die Drogenkartelle sieht Zezinho nicht als das größte Problem. „Ohne Polizei gäbe es weniger Gewalt“, ist er überzeugt. Während der WM sei es ruhig gewesen, während Olympia auch. Das lag aber auch an einem groß angelegten „Befriedungsprogramm“, das 2008 begonnen hatte. Sonderkräfte der UPP (Unidade de Policia Pacificadora) waren in diverse Favelas gewaltsam eingerückt, hatten diese besetzt. Der Staat zeigte Präsenz. Seither galt die Rocinha, ebenso wie die die Vorzeige-Favela Santa Marta, in unmittelbarer Nähe der deutschen Schule gelegen, offiziell als befriedet. Doch dem Bundesstaat Rio de Janeiro fehlt Geld, um die Polizei zu bezahlen. Viele warten auf Gehälter, es fehlt an allem, vom Benzin bis zum Klopapier. Diese Schwäche wird nun genutzt, verlorenes Terrain zurückzuerobern.

Doch zurück - An diesem Morgen hat Zezinho Glück. Drei Frauen, Anfang, Mitte 20, aus Australien und Deutschland, haben sich ihm anvertraut. Sie sind ganz angetan. „Die Leute waren sehr nett und wir haben uns nie unsicher gefühlt“, sagt Lorella aus Adelaide. Einige Leute hätten sie sogar gefragt, ob sie nicht ein Foto mit ihnen machen wollten. Anna, aus der Nähe von Heidelberg, hatte auf Reisen auch schon einmal eine Favela in Perus Hauptstadt Lima besucht, fand dort die Probleme sehr viel offensichtlicher und krasser.

„Touren biete ich nur an, wenn ich keine Zweifel bei der Sicherheit habe, alles muss 100-prozentig sicher sein“, sagt Zezinho. „Ich würde mich ja auch sonst selbst in Gefahr bringen.“ Die generelle Verteufelung des Favela-Tourismus und der Favelas findet er falsch. Die Rocinha sei wie eine Großstadt, in der Megacity, überwiegend eine Arbeiterstadt. „Die Leute sind arm, aber sie arbeiten“, widerspricht er dem Klischee, das Favelas mit Slums und Elendsvierteln gleichsetzt. Dass es dort Leute gibt, die aus der Reihe tanzen, sei doch normal.

„Ich verstehe die Neugier der Touristen“, sagte Valeria Aragao von der Tourismuspolizei vor wenigen Tagen der Zeitung O Globo. „Was ich nicht verstehe, ist die unverantwortliche Haltung einer Agentur oder eines Guides, zum Besuch zu ermutigen, wenn sich nicht einmal die Bewohner sicher fühlen.“

Auch die Stadt hat inzwischen erkannt, dass Favela-Tourismus ein Wirtschaftsfaktor ist. Trotz der unruhigen Lage fände es Bürgermeister Marcelo Crivella darum auch falsch, den Tourismus komplett auszusetzen. Aber gewisse Regeln müssten her. In der Stadtverwaltung überlegt man seither, ob man eine spezielle Versicherung einführt oder Guides und Agenturen zur Anmeldung der Touren zwingen will, um Unfälle zu verhindern, wie vor ein paar Wochen. Eine spanische Touristin war während einer Autotour durch eine Favela getötet worden - durch Kugeln der Polizei. Die genauen Umstände werden noch ermittelt.




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