Letztes Update am Do, 25.01.2018 10:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Regimekritikerin Asli Erdogan sieht wenig Hoffnung für die Türkei



Wien/Ankara (APA) - Die türkische Schriftstellerin und Bürgerrechtsaktivistin Asli Erdogan ist am 3. Februar im Rahmen einer ihr gewidmeten Personale zu Gast im Wiener Werk X. Dia APA telefonierte mit ihr im Vorfeld ihres Österreich-Besuchs. Ursprünglich hätte die regimekritische Autorin bereits im Dezember zur Verleihung des Grazer Menschenrechtspreises nach Graz und anschließend nach Wien kommen sollen.

Wegen eines Spitalaufenthalts nach einem Autounfall musste sie ihre Reise nach Österreich im letzten Augenblick absagen. Mittlerweile gehe es ihr wieder einigermaßen gut, aber wegen einer schweren Nackenverletzung benötigt sie noch immer Physiotherapie. „Wir hatten bei dem Unfall sogar Glück“, sagt sie.

Die vielen europäischen Literatur- und Menschenrechtspreise, die sie für ihre Arbeit bekommen hat, sind ihr sehr wichtig: „Es sagt schon einiges über die Türkei aus.“ Dort werde sie verfolgt, Europa hingegen zeige Solidarität mit Menschen wie sie, die mit der Entwicklung in der Türkei nicht einverstanden seien.

Zu Graz habe sie ein spezielles Verhältnis, weil sie dort ein Jahr als Asylschreiberin im Exil verbracht hat. Außer in Graz habe sie nur in Zürich derart lange Zeit in einer bestimmten Stadt in Europa verbracht.

Zu ihrem immer noch nicht abgeschlossenen Prozess in der Türkei sagt sie, die Dinge stünden derzeit verhältnismäßig gut: „Alle Angeklagten befinden sich auf freiem Fuß. Das ist nicht selbstverständlich.“ Sie selbst habe indes nicht vor, am 10. Februar, wenn die Staatsanwaltschaft darüber entscheidet, ob das Verfahren gegen sie und ihre Mitangeklagten fortgeführt wird, in die Türkei zu reisen: „Ich würde das nervlich nicht aushalten.“

Das Fehlen von Rechtssicherheit und die Willkür der Justiz sei überhaupt eines der größten Probleme in der Türkei. Die Kontrolle sämtlicher Journalisten und Oppositionspolitiker sei die „schlimmste Form der Unterdrückung“. Es gebe keine Meinungsfreiheit. Die aktuelle Herrschaft ihres Namensvetters Recep Tayyip Erdogan bezeichnet die Schriftstellerin als „totalitäres Regime“.

Auf die Frage, wie sich die EU und der Westen gegenüber der Türkei verhalten sollten, ist sie ratlos: „Ich habe im Moment keine Antwort. Seit eineinhalb Jahren (seit dem missglückten Putsch gegen Präsident Erdogan, Anm.) herrscht in der Türkei Ausnahmezustand.“

700 Gesetze seien schon ohne parlamentarische Beteiligung per Notverordnung erlassen worden. Als besonders gefährliches Beispiel nennt sie eine jüngst erlassene Verordnung, wonach all jenen, die für den Präsidenten auf der Straße demonstrieren, Unantastbarkeit und Freiheit vor Verfolgung zugesichert werden soll: „So jemand könnte einen Gegendemonstranten womöglich sogar töten, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.“

Die geopolitische Lage im Nahen Osten mache die Sache noch komplizierter. Sie glaubt, dass die jüngste Offensive der türkischen Armee gegen die Kurdenmiliz YPG in Syrien die Position des Präsidenten festigen werde. „So ist es immer: in einem Krieg scharen sich die Menschen um ihren Führer.“ In den Moscheen des Landes werde für den Sieg der Türkei gebetet. Eltern seien vielfach ohne Zögern bereit, sogar den Tod ihrer eingerückten Söhne in Kauf zu nehmen. Wer nicht begeistert den Krieg unterstütze, gelte als Verräter.

Sie fühle sich durchaus immer wieder an die 1930er Jahre erinnert, gesteht Erdogan. Manchmal vergleiche sie das jetzige türkische Regime mit der seinerzeitigen Naziherrschaft in Deutschland. In Bezug auf die Zukunft ihres Heimatlandes und der Welt insgesamt ist sie sehr pessimistisch: „Wir sind in einen Teufelskreis geraten. Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll.“ Es werde auf alle Fälle noch lange dauern, bis sich in der Türkei etwas zum Positiven wenden könne.

(Das Gespräch führte Andreas Stangl/APA)

(S E R V I C E: Asli Erdogan zu Gast im WERK X, Personale und Gespräch. Samstag, 3. Februar 2018, 19.30 Uhr, Oswaldgasse 35, 1120 Wien. Karten: 01 535 32 00 11; reservierung@werk-x.at; www.werk-x.at




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