Letztes Update am Di, 06.02.2018 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jordanischer Politiker: Ein Viertel des Staatsbudgets für Flüchtlinge



Wien (APA) - Jordanien wendet laut dem jordanischen Lokalpolitiker Abbas Al Maharmeh rund 25 Prozent des nationalen Budgets zugunsten syrischer Flüchtlinge auf. „Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft Jordanien helfen wird“, sagte er anlässlich der NOW Konferenz vergangene Woche in Wien im APA-Interview. Den Flüchtlingen zu helfen sieht er als religiöse Pflicht.

„Die internationale Hilfe für Jordanien ist im Moment noch gering“, erklärte der Bürgermeister der Industriestadt Sahab, die wenige Kilometer südöstlich der Hauptstadt Amman liegt. Gleichzeitig nehme die Anzahl der Flüchtlinge weiter zu, da es im beinahe siebenjährigen Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien keine Anzeichen für einen baldigen Frieden gebe. „Jordanien ist ein armes Land, mit Konflikten in allen Grenzländern und die wirtschaftliche Situation ist schlecht“, sagte er.

„Wir hatten immer Flüchtlinge in Jordanien, davor kamen sie aus dem Irak oder aus Palästina“, erklärte der Bürgermeister. „Wir können nicht die Grenzen schließen und die Menschen nicht ins Land lassen. Unser König Abdullah und das Volk sind der Ansicht, dass wir den Flüchtlingen helfen müssen“, fügte er hinzu. Seine Gemeinde Sahab liegt rund 75 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. „Die Flüchtlinge kommen über unsere Nordgrenze ins Land und suchen natürlich nach Jobs“, so Maharmeh. Mittlerweile lebten in der Stadt, die eine der zwei größten Industriezentren des Landes sei, zusätzlich zu den etwa 100.000 Jordaniern um die 70.000 Flüchtlinge, von denen 50.000 aus Syrien stammten und 20.000 aus anderen arabischen Staaten wie dem Irak oder dem Jemen.

Dies stelle die Gemeinde vor viele Probleme. „Unsere Lehrer legen an den Schulen mehrere Schichten ein. Morgens werden die jordanischen Kinder unterrichtet, am Nachmittag die Flüchtlingskinder“, berichtete Maharmeh. In einigen Klassen gebe es bis zu 65 Kinder. Auch das Krankenhaus und die Abfallentsorgung seien völlig überlastet.

Der Bürgermeister erklärte, dass sich auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt verschlimmert habe, denn die Flüchtlinge arbeiteten für geringere Löhne als die Jordanier, die mit dem selben Gehalt nicht auskommen würden. „Bisher gab es noch keine großen Spannungen zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen“, sagte er. Er betonte jedoch, dass sich diese Situation bald ändern könne, denn junge Jordanier hätten immer größere Probleme, Arbeit zu finden. „Wir wollen dem entgegenwirken, indem wir kooperative Projekte schaffen“, schilderte Maharmeh. So würde beispielsweise die Gründung von gemeinsamen Geschäften von Libanesen und Syrern gefördert, doch das ist für den Lokalpolitiker noch nicht genug: „Wir brauchen mehr solcher Projekte, unsere Jugend darf nicht in die Kriminalität abdriften“, betonte er.

Da noch kein Ende des Konflikts in Syrien absehbar ist, ist für Maharmeh die Integration der Syrer in die jordanische Gesellschaft notwendig. „Die Flüchtlinge leben in Sahab in Häusern, nicht in Lagern“, sagte er. „Wir nehmen sie bei uns auf und sie beteiligen sich an vielen Gemeindeprojekten“, fuhr er fort. Er sieht darin auch seine religiöse Pflicht: „Wir handeln im Sinne unserer Religion, indem wir uns für den Frieden in der Region einsetzen und Menschen in Not helfen wollen“, erklärte Maharmeh. „Das ist der Islam, nicht der Terrorismus“, schloss er.

(Das Interview führte Martin Auernheimer/APA)




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