Letztes Update am Do, 08.03.2018 10:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neues Leben in alter Hadik-Kaserne im oststeirischen Fehring



Fehring (APA) - Familien statt Soldaten: Das Bild vom Gelände der ehemaligen Hadik-Kaserne im oststeirischen Fehring ist seit April vergangenen Jahres wie ausgewechselt. Wo sich früher Soldaten in Reih und Glied stellten, tummeln sich nun Kinder. Rund 50 Menschen proben seit einem knappen Jahr Leben in Gemeinschaft und wollen die alte Kaserne aller Voraussicht nach 2019 um rund zwei Millionen Euro kaufen.

Der Verein „Leben in Gemeinschaft“ hat das Areal im vergangenen Jahr vorerst gepachtet, um sich am Gelände einzuleben und die Machbarkeit ihrer Idee in der Praxis zu erproben. „Bisher deutet alles daraufhin, dass unser Plan aufgeht“, schilderte Andreas Schindler vom Presseteam des Vereins im APA-Gespräch. Von jenen, die vor einem Jahr eingezogen sind, seien noch alle dabei und es würden laufend neue Interessenten dazukommen. Die Vision lautet: Schaffung eines in Österreich einmaligen Lebensraumes mit Dorfcharakter.

Die derzeit rund 50 „Pioniere“, die in der Kaserne leben, kommen vorwiegend aus Wien und Graz und wollen das Leben in der Gemeinschaft umsetzen. Ein Großteil von ihnen ist um die 30 Jahre alt, viele haben Kinder mitgebracht, aber auch Pensionistenpaare und allein stehende Menschen leben in der Gemeinschaft: „Im vergangenen Jahr sind auch zwei Babys direkt bei uns zur Welt gekommen, ein drittes ist gerade unterwegs. Die Geburt wurde auch von einer angehenden Hebamme in der Gemeinschaft begleitet“, zeigte sich Schindler stolz über den Nachwuchs.

Ziel sei es, dass jedes Mitglied der Gemeinschaft seine Fähigkeiten einbringt: „Wir haben Handwerker, einen selbstständigen Baumpfleger sowie viele Therapeuten unter uns. Manche haben bereits Jobs in der Umgebung gefunden, andere pendeln noch.“ Das Gefüge bezeichnete er als divers - zusammenfinden will man in soziodemokratischen Prozessen, bei denen jeder Entschluss von allen mitgetragen wird. Konkret habe die Gemeinschaft mehrere Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen, Arbeitskreise sowie einen Leitungskreis eingerichtet, die Hierarchien seien flach und es funktioniere bisher gut: „Dennoch lassen wir uns demnächst professionell unterstützen“, so Schindler - ähnlich wie große Unternehmen.

Besondere Freude hatte der Verein im vergangene Herbst mit der ersten Ernte: „Wir haben Versuchsflächen mit Gemüse angebaut und waren erstaunt über die Fülle der Ernte. Heuer wollen wir auch unseren Acker bestellen.“ Der Gemeinschaft stehen insgesamt rund sechs Hektar Grund und Boden zur Verfügung. Vieles davon kann noch bebaut werden. Derzeit leben die Mitglieder in Wohneinheiten im Hauptgebäude der Kaserne, mit Gemeinschaftsküche und -bädern. Jedem Bewohner stehen etwa 20 Quadratmeter Privatfläche zur Verfügung, Paare bekommen doppelt soviel und Familien mit Kindern erhalten je Kind im Schulalter weitere 20 Quadratmeter dazu. Bisher wollte man nicht zu viel Geld in Umbauten investieren, vor allem so lange man nicht fix weiß, dass das Areal gekauft wird. „Wir haben aber Wasserstränge durch den Komplex gezogen“, damit konnten sich manche Wohneinheiten auch eigene Kochnischen einrichten.

Die Zukunft könnte irgendwann noch ganz anders aussehen: „Im Hauptgebäude sollen nur mehr die Verwaltung, Räume für Seminare und gemeinschaftliche Veranstaltungen sowie Gäste untergebracht werden. Auf den Baugründen können die Mitglieder des Vereins eigene (Mehrparteien-) Häuser bauen. Ziel bleibe aber dennoch, so viel wie möglich gemeinschaftlich zu machen, erklärte Schindler. Im Vordergrund steht die gemeinsame Nutzung von Gebäuden, Fahrzeugen, Geräten, Werkzeugen und landwirtschaftlichen Flächen sowie ein ressourcenschonender Lebensstil. Das Teilen von Wissen und Erfahrung soll eine Wirtschaftsstruktur etablieren, die die Bedürfnisse der Menschen decken und zwischenmenschliche Beziehungen stärken.

„Leben in Gemeinschaft“ plant unter anderem die Schaffung von Raum für Bildung, Kunst und Kultur, darunter „Co-Workingspaces“, Dienstleistungen im gesundheitlich-sozialen Bereich, Bio-Gemüseanbau, regionales und saisonales Catering, Bio-Lebensmittelhandel und -veredelung, naturnahe Gartengestaltung und Gartenpflege sowie gemeinsame Werkstätten wie eine Näherei oder Tischlerei.

Die erst 1960 eröffnete Hadik-Kaserne im Bezirk Südoststeiermark, in der in mehr als 50 Jahren mehr als 10.000 Soldaten ausgebildet wurden, wurde 2015 vorübergehende als Verteilungszentrum für Flüchtlinge genutzt. Nach etwa zwei Jahren Verhandlungen mit der Gemeinde Fehring stimmte der Gemeinderat am im April 2017 dem Einzug des Vereins in die Kaserne zu. Langfristig gesehen können 100 bis 150 Menschen in dem generationenübergreifenden Wohn-, Arbeits- und Lebensprojekt teilnehmen.

( S E R V I C E - Bilder der Hadik-Kaerne in Fehring sind im AOM abrufbar.)




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