Letztes Update am Mi, 14.03.2018 06:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Experte sieht Hisbollah als Gegenmodell zum neoliberalen Libanon



Wien (APA) - Der Anthropologe Nikolas Kosmatopoulos sieht die radikal-schiitische Hisbollah als „Gegenmodell“ zum „neoliberalen Paradies“ im Libanon, wo die „Ressourcenverteilung und grundlegenden Sozialleistungen nicht mehr dem Staat obliegen.“ „Die Hisbollah stellt denjenigen Sozialleistungen zur Verfügung, für die sie sich verantwortlich fühlt“, sagte er am Dienstag im APA-Interview in Wien.

Zu diesen Leistungen gehören laut dem Assistenzprofessor an der American University Beirut „Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie eine Pensionsversorgung für Kämpfer und ihre Familien.“ Gleichzeitig habe die schiitische Milizorganisation ein Bürgerheer geschaffen, das sich am schweizerischen System orientiere. „Die Bürger leben ein normales Leben und sollen nur im Kriegsfall ihr Land gegen Israel verteidigen“, so Kosmatopoulos. Aufgrund dieses Systems habe die Hisbollah die israelische Besatzung im Süd-Libanon im Jahr 2000 beenden können.

Der Experte erklärte, dass dieses Modell funktioniere, weil der libanesische Staat seine soziale Pflichten an nichtstaatliche Organisationen (NGOs) und wirtschaftliche Eliten abgegeben habe. „Es gibt ein Hybridsystem mit einer vollständig neoliberalisierten, privatisierten Wirtschaft“, erläuterte er. Die öffentlichen Schulen seien unterfinanziert, öffentliche Plätze de facto nicht mehr existent und das Arbeitsrecht funktioniere nicht.

„Die Wirtschaft stützt sich vor allem auf Banking und Immobilienspekulation, meist mit ausländischem Kapital“, fuhr Kosmatopoulos fort. „Die Banken haben an einer nicht regulierten Wirtschaft Interesse“, sagte er. Aufgrund der Grundbesitzspekulationen gebe es einen Kampf um jedes Stück Boden. „Das ist eine Besonderheit, da es in anderen Ländern Regionen in den Städten gibt, die nicht gentrifiziert werden können. Im Libanon kann alles jederzeit gentrifiziert werden“, analysierte der Anthropologe. Die Küste sei vollständig privatisiert, sodass der Zugang zum Meer entweder sehr teuer, oder das Wasser durch Abfall vollständig verschmutzt sei.

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„Da der neoliberale Staat keine Sozialleistungen verteilt, beschwert sich auch niemand über die Flüchtlinge, da sie diese auch nicht wegnehmen“, so Kosmatopoulos. „Die Flüchtlingsfrage taucht überraschenderweise in keinem der Wahlprogramme der Parteien auf - es gibt keine Kampagnen, die die Flüchtlinge aus dem Land werfen wollen“, fügte er hinzu. Dies werfe ein „sehr negatives Licht“ auf Europa, denn der Libanon habe 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen und selbst nur 4,5 Millionen Staatsbürger. „Die Libanesen wissen durch den 15-jährigen Bürgerkrieg (von 1975 bis 1990, Anm.), dass man im Kriegsfall nicht wegen Sozialleistungen ins Ausland flieht, sondern weil man um sein Leben bangt“, fuhr er fort.

Einige NGOs kümmerten sich im Libanon um die Bildung, humanitäre Hilfe und die Gesundheitsversorgung. „Gleichzeitig kennen sich die NGOs nur in ihrem eigenen Wirkungsbereich aus und entwickeln darum einen Tunnelblick gegenüber sozialen Fragen“, erklärte der Experte. Soziale Strukturen und politische Entscheidungen blieben durch den technokratischen Ansatz der NGOs weitestgehend unberührt. „NGOs unterstützen daher auch keine umfassenden Reformen, die das gesamte System betreffen“, sagte er.

Die Hisbollah stelle darum ein „erfolgreiches Gegenmodell“ sowohl zum neoliberalen Rückzug des Staates als auch zur Sicherung der nationalen Souveränität dar. „Es ist schwierig, der Hisbollah den Erfolg abzusprechen“, analysierte der Anthropologe. Die Eliten des Landes müssten daher gegenüber der vom Iran unterstützten Organisation Position beziehen. „Viele arbeiten mit Hisbollah zusammen. Andere bekämpfen sie, wie Premierminister Saad Hariri, der die neoliberale Ordnung repräsentiert, die von seinem Vater eingeleitet wurde“, fuhr er fort. Die soziale Frage stehe dabei im Mittelpunkt, sie werde jedoch durch die religiösen Spannungen zwischen der schiitischen Hisbollah und den sunnitischen arabischen Ländern übertönt.

Die Probleme der arabischen Länder mit der Hisbollah gehen für Kosmatopoulos auf den Erfolg der Miliz zurück. „Den arabischen Autokraten ist die Hisbollah ein Dorn im Auge“, sagte er, denn sie werfe „kein gutes Licht“ auf die eigenen politischen Verhältnisse.

„Ich glaube, dass, wenn man die religiöse Rhetorik und die geopolitischen Aspekte in Syrien außen vor lässt, die Hisbollah ein gesellschaftliches Modell in der arabischen Welt aufzeigt, das der Sozialdemokratie und dem Sozialstaat nacheifert“, fuhr der Experte fort und betonte, dass dieses System vielen zum Vorbild dienen könne. „Das neoliberale Extrem im Libanon ist nicht haltbar, denn das Wachstumspotenzial ist ausgeschöpft. Man muss eine Agenda vorlegen, die die Öffentlichkeit in den Mittelpunkt stellt und Sozialleistungen zur Verfügung stellt“, sagte er.

(Das Gespräch führte Martin Auernheimer/APA)




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