Letztes Update am Mi, 18.04.2018 11:45

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Prävenire - Gesundheitsforum: Herzinsuffizienz-Projekt dringend nötig



Seitenstetten (APA) - In Österreich leiden bis zu 300.000 Menschen an chronischer Herzschwäche. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate beträgt nur 50 Prozent. Trotzdem existiert kein bundesweites umfassendes Versorgungsprogramm (Disease Management Programm) für diese Menschen, hieß es Mittwochvormittag bei einem Hintergrundgespräch am Rande des Gesundheitsforums Prävenire in Seitenstetten in Niederösterreich.

„Ein Disease Management Programm für Herzinsuffizienz-Patienten unter Einbindung des niedergelassenen Arztes und mit einer ambulant eingesetzten Pflegeperson ist eine Forderung, die es seit Jahrzehnten gibt. Wir sind hier Jahrzehnte hintennach. Dabei hat ein solches System den höchsten (wissenschaftlich fundierten; Anm.) Empfehlungsgrad. Das ist so eine Empfehlung wie jene, dass man Diabetikern Insulin gibt“, sagte Deddo Mörtl, Leiter der Herzinsuffizienz-Ambulanz am LKH St. Pölten.

Trotz aller Forderungen existieren solche Programme in Österreich bisher nur in einzelnen Regionen. So gibt es solche Projekte beispielsweise in Salzburg und in Tirol. Gerhard Pölzl von der Herzinsuffizienz-Ambulanz der MedUni Innsbruck sagte dazu: „Es gibt in Tirol ein funktionierendes Disease Management Programm. Die Gebietskrankenkasse übernimmt die Finanzierung der in dem Netzwerk tätigen Ärzte und einen Teil des Krankenpflegepersonals.“ Doch ein flächendeckendes Ausrollen eines solchen Projekts auf ganz Österreich ist bisher gescheitert.

Das Problem der chronischen Herzinsuffizienz ist enorm. Das Syndrom mit einer oft zunehmenden Pumpschwäche der linken Herzkammer entsteht zumeist auf der Basis eines nicht oder schlecht behandelten Bluthochdrucks oder infolge einer koronaren Herzkrankheit mit einem Herzmuskelschaden. Eine umfassende Betreuung der Betroffenen würde idealerweise eine Netzwerkbildung zwischen spezialisierten Spitalsambulanzen, Kardiologen, Internisten, Hausärzten, ambulantem Krankenpflegepersonal und eventuell auch Apotheken bedeuten. Die Patienten sollten intensiv geschult und überwacht werden, was ihren Gesundheitszustand, ihren Lebensstil und die Arzneimitteleinnahme angeht.

Hauptziel sollte die Verhinderung von Spitalsaufnahmen und eine Senkung der Mortalität sein, welche sonst den bösartigsten Krebserkrankungen entspricht. Wenn ein Patient nach einem Krankenhausaufenthalt wegen einer akuten Verschlechterung entlassen wird, beträgt die Re-Hospitalisierungsrate in Österreich binnen 30 Tagen 20 Prozent, innerhalb von drei Monaten 40 Prozent und innerhalb von sechs Monaten 50 bis 60 Prozent. 90 Prozent der Herzinsuffizienz-Erkrankungen werden erst bei der ersten Hospitalisierung diagnostiziert. 80 Prozent der Betroffenen sind mehr als 65 Jahre alt. Mit einem ambulanten Disease Management Programm kann die Rehospitalisierungsrate um 30 Prozent und die Sterberate um bis zu 44 Prozent gesenkt werden.

Die Kosten der Herzinsuffizienz betragen in Österreich pro Jahr rund 350 Millionen Euro. 70 Prozent davon sind Spitalskosten. Pro Jahr werden in Österreich rund 24.000 Patienten wegen Herzinsuffizienz in Spitälern aufgenommen. Nur die Hälfte der Behandelten nimmt die notwendige Medikation (vor allem ACE-Hemmer, Betablocker, Aldosteron-Antagonisten und eventuell auch ein neues Kombinationspräparate eines Angiotensinrezeptor-Neprilysin-Inhibitors) auch so ein, dass sie ausreichend wirken kann. Eine akute Spitalsaufnahme wegen Herzinsuffizienz bedeutet eine Sterberate von 25 bis 30 Prozent innerhalb eines Jahres.

Rudolf Berger, Leiter der Abteilung Innere Medizin I am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt, betonte: „So ein Disease Management Programm gehört in den Strukturplan Gesundheit von Österreich.“ Dann wären auch die Bundesländer zur Umsetzung verpflichtet. „Ärzte, die einen Vertrag mit den Krankenkassen haben, sollten die Disease Management Programme auch anwenden müssen“, forderte Erwin Rebhandl, Präsident der Oberösterreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und seit kurzem Initiator einer Gruppenpraxis als Primärversorgungseinheit. Längerfristig müssten sich dazu aber auch die Strukturen der Arztordinationen ändern, meinte er: „Eine Arztpraxis ohne diplomiertes Krankenpflegepersonal ist dafür nicht gut aufgestellt.“ Bisher sind solche Forderungen aber in Österreich oft an der Finanzierung gescheitert.




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