Letztes Update am Mi, 25.04.2018 05:04

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„Jüdisches Rom“ - Akribische Spurensuche in der Ewigen Stadt



Rom/Wien (APA) - „Jüdisches Rom“ heißt ein neues und beeindruckendes Buch der Journalistin und Autorin Christina Höfferer. So konzis der Titel auch ist, so umfassend ist nämlich der Inhalt. Er reicht von einem detailreichen Abriss über die wechsel- und leidvolle Geschichte des Judentums in Italien, vor allem in der Heiligen Stadt, bis hin zu den verstecktesten Orten, wo (noch) jüdische Spuren zu finden sind.

Höfferer, die als Gestalterin von Reiseberichten des ORF-Radiosenders Ö1 und für Printmedien des Öfteren zeigt, dass sie sich in Italien auskennt, lässt in diesem Buch wahrscheinlich kaum einen Aspekt aus. Sie erzählt vom Antijudaismus im alten Rom, den Kleidungsvorschriften im Mittelalter, als die Juden einen gelben Ring tragen mussten, um erkennbar zu sein, oder der Zeit der napoleonischen Besatzung, als die Hebräer für kurze Zeit freie Bürger waren.

So nebenbei ist dann etwa zu erfahren, woher der Begriff Ghetto stammt. Über die Jahrhunderte wurden die Juden ja mehrmals in diese Enklaven gezwungen. Er tauchte erstmals 1414 im Zusammenhang mit der venezianischen Isola del Ghetto auf. „Ihr Name leitet sich wahrscheinlich von dem italienischen Begriff ‚geto‘ für Gießerei ab, waren die Juden doch in das Viertel der ungeliebten Eisengießer in Venedig gezwungen worden.“

Die Geschichte der Juden ist auch verbunden mit jener des Vatikans und der weltlichen Herrschaft der Päpste, welche 1870 durch die Einheit Italiens und durch die Einrichtung Roms zur Hauptstadt beendet wurde. „Eine Zeitreise von den ersten jüdischen Einwanderern bis heute zeigt, wie die Jahrhunderte ineinander verschwimmen, wie friedliche Koexistenz und grässliche Gewalt immer wieder aufeinanderfolgten“, wie der Verlag auf seiner Homepage konstatiert. Höfferer erzählt nämlich auch vom Antijudaismus im antiken Rom bis hin zur umstrittenen Rolle des Vatikans unter Papst Pius XII. in der Ära des italienischen Faschismus und der der nazi-deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.

Vor allem aber führt sie den Leser an Orte mit jüdischen Verbindungen, die sicher in keinem Reiseführer vorkommen. Das können pittoreske Kleinode sein, wie die Villa Borghese mit ihren Gärten, die der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud als sein „römisches Schönbrunn“ bezeichnete, aber auch traurige Orte, wie Wohnungen, in denen sich Juden während des Zweiten Weltkriegs vor den Bütteln der Nationalsozialisten (vergeblich) verstecken wollten. Manche - wie zum Beispiel das „Museum der Shoa“ - sind öffentlich zugänglich, andere nicht. Selbst Kulinarisches kommt nicht zu kurz. Wie bereitet man am besten „Carciofi alla giudia“ zu, also Artischocken auf jüdische Art? Höfferer weiß Bescheid und liefert das Rezept dazu.

Der Autorin ist jedenfalls nicht wenig gelungen. In akribischer Kleinarbeit hat sie zusammengetragen, was es über Rom und das Judentum zu wissen gibt. In ihrem Vorwort ist dazu zu lesen: „Das jüdische Rom erlebt zur Zeit eine Renaissance. Im ehemaligen Ghetto findet eine Neubelebung der jüdischen Feste und Festmahle statt, in ganz neuen Restaurants und im Leben auf der Piazza, im Zusammenspiel mit den touristischen Flaneuren. Die Geschichte der römischen jüdischen Gemeinde wird in Büchern, Führungen und Tagungen erforscht. Dieser Wiedergeburt wird in diesem Buch Rechnung getragen und versucht, einen Beitrag zu leisten, zum Verständnis einer reichhaltigen Kultur.“ Dem ist aber auch gar nichts hinzuzufügen...

S E R V I C E - Christina Höfferer: „Jüdisches Rom“. Mandelbaum Verlag, Wien 2018; 240 Seiten; 19,90 Euro. ISBN: 978385476-560-8.




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