Letztes Update am Fr, 18.05.2018 00:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ex-Dissident lobt Mut der Österreicher zur Zeit des Prager Frühlings



Wien/Prag (APA) - Der frühere Bundespräsident Heinz Fischer und der tschechisch-österreichische Schriftsteller und Ex-Dissident Pavel Kohout haben am Donnerstag in der tschechischen Botschaft in Wien über den Prager Frühling vor 50 Jahren und dessen Nachwirkungen diskutiert. Die Situation damals sei für Österreich „delikat“ gewesen, so Fischer, „echte Angst“ vor einer sowjetischen Invasion habe man aber nie gehabt.

Zweimal sei dem tschechischen Volk in seiner Geschichte „das Rückgrat gebrochen“ worden, so Kohout während des Gesprächs, bei dem auch die tschechische Botschafterin Ivana Cervenkova anwesend war. Das erste Mal durch das Münchener Abkommen von 1938, in dem beschlossen wurde, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten muss. Und ein zweites Mal durch den „Verrat der gesamten politischen Führung des Landes“, die nach ihrer Verhaftung durch Moskau verpflichtet wurde, die Reformen rückgängig zu machen und auch zuließ, dass sowjetische Soldaten bis 1991 in der Tschechoslowakei stationiert blieben. „Doch wenn ein Demokratisierungsprozess anfängt, ist er nicht zu halten. Das hat man schon mehrmals überall auf der Welt immer wieder erlebt.“, so der Schriftsteller über den langen Demokratisierungsprozess der Tschechoslowakei.

Lob hatte Kohout für die Österreicher übrig. Diese hätten gleich nach Kriegsende - bei den Aufständen in Ungarn 1956 und Prag 1968 - „wahnsinnigen Mut“ bewiesen, und das, „obwohl sie damals wirklich noch auf schwachen Füßen standen“, so Kohout. Dafür hätten sie Dank verdient, sagte der Publizist und bedankte sich denn auch sogleich bei Heinz Fischer, mit dem ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verbindet.

Im Gegensatz zu den Österreichern war der sowjetische Einmarsch für die Bürger der kommunistischen Nachbarlandes Tschechoslowakei Realität: Nach den Protesten des Prager Frühlings im Jahr 1968, die von Studentenprotesten angestoßen wurden und in weitgehenden Forderungen nach wirtschaftlicher Liberalisierung und persönlichen Freiheiten mündeten, marschierten in der Nacht auf 21. August die Truppen des Warschauer Paktes ein. Rund 160.000 Menschen flüchteten damals nach Österreich, was unter anderem durch die unbürokratische Asylvergabe des österreichischen Botschafters in Prag, Rudolf Kirchschläger, ermöglicht wurde.

Fischer, der damals Sekretär der sozialistischen Parlamentsfraktion war, erklärte sich die Solidarität und Sympathie der österreichischen Politik gegenüber den tschechoslowakischen Flüchtlingen am Donnerstag so, dass sowohl die damalige ÖVP-Regierung als auch die oppositionelle SPÖ „demokratisch-antikommunistisch“ eingestellt waren und den Protesten deshalb positiv gegenüberstanden.

Auch Pavel Kohout war einst Parteimitglied der Kommunistischen Partei Tschechiens und entwickelte sich später zu einem erbitterten Gegner des Regimes. Er war maßgeblich an den Protesten des Prager Frühlings beteiligt, dessen Ziel es war, den Sozialismus von innen heraus zu reformieren. 1977 war er Mitinitiator der Bürgerbewegung Charta 77. 1979 wurde der heute 90-jährige aus der Tschechoslowakei ausgebürgert.

Ein Jahr später erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Nicht ohne historische Ironie fand das Gespräch zwischen Fischer und Kohout in der tschechischen Botschaft in Wien statt. Jenem Ort, an dem Kohout einst die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft aberkannte wurde.

In Anspielung auf die aktuelle Flüchtlingskrise sagte Fischer: „Kreisky war stolz darauf, Flüchtlingsrouten geöffnet zu haben.“ und löste damit spontanen Applaus aus. Kohout wiederum bemängelte, Immigranten würden sich zu wenig „einbürgern“. Sie sollten die „Sitten und die Geschichte des Landes“ annehmen. Er selbst habe sofort nach seiner Einbürgerung die österreichische Bundeshymne erlernt.

Das Jahr 2018 ist für die Tschechische Republik ein geschichtsträchtiges Jahr: Neben dem Gedenken an den Prager Frühling feiert das Land auch sein 25-jähriges Bestehen als unabhängige Republik, sowie die Staatsgründung vor 100 Jahren.




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