Letztes Update am So, 20.05.2018 01:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„EU als Friedensprojekt“: Häupl mahnt zu Erinnerung an Geschichte



Prag/Wien (APA) - Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) mahnt dazu, bei aller Kritik an der EU die Geschichte nicht zu vergessen. „Wir sollten immer daran denken, dass diese Europäische Gemeinschaft etwas ist, was uns, meiner Generation, aber auch unseren Kindern und Kindeskindern Frieden garantiert“, sagte Häupl am Samstagabend bei einer Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Prager Frühlings im Wiener Rathaus.

„Heute leben wir - sowohl Tschechen, als auch Slowaken und alle Nachbarn - in einem gemeinsamen Haus Europa“, erklärte der scheidende Bürgermeister, der auch Präsident der österreichisch-tschechischen Gesellschaft ist, weiter. Angesichts der „grundsätzlichen Kritik“, die man an der EU höre, dürfe man nicht Ereignisse wie jene von 1968 vergessen: „Frieden in Europa ist nicht selbstverständlich.“

Häupl erzählte von seiner persönlichen Erinnerung an den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen zur Niederschlagung der reformkommunistischen Demokratiebewegung in der Tschechoslowakei am 21. August 1968. Sein Vater habe ihn an jenem Morgen „sehr zeitig in der Früh“ geweckt und gesagt: „Die Russen san bei den Tschechen einmarschiert und jetzt geht‘s in den Dritten Weltkrieg. Dein Großvater hat den Ersten Weltkrieg mitgemacht, ich den Zweiten und jetzt musst du in den Dritten geh‘n.“ Für ihn als 18-Jährigen sei dies unvorstellbar gewesen. Es habe damals „unglaubliche persönliche Betroffenheit“ gegeben, berichtete Häupl.

Die tschechische Botschafterin in Wien, Ivana Cervenkova, berichtete, dass rund 160.000 Tschechoslowaken damals nach Österreich geflohen waren. „Österreich fungierte als bedeutendes Asylland.“ Tschechen und Slowaken hätten hier Zuflucht gefunden, später oft eine neue Heimat. „Im Namen meines Volkes möchte ich Österreich und der Stadt Wien Danke sagen.“

Ex-Botschafter Karl Peterlik erinnerte sich an die „hektischen“ Tage nach dem Einmarsch an der österreichischen Gesandtschaft in Prag. Mit einer militärischen Intervention habe damals niemand gerechnet, erzählte er. Der damalige Botschafter in Prag, Rudolf Kirchschläger, sei am Tag des Einmarsches auf Urlaub gewesen. Nach der Invasion von Panzern in Prag seien zunächst viele Österreicher in die Botschaft gekommen, die Schutz und Hilfe gesucht hätten, dann aber auch immer mehr Tschechoslowaken. „Das Gebäude war bald überfüllt.“

Peterlik räumte mit einem Mythos auf, wonach der damalige Außenminister Kurt Waldheim angewiesen habe, keine Visa an Tschechoslowaken auszustellen. Dass Außenministerium habe zunächst die Weisung erteilt, die Botschaft zu schließen und die tschechoslowakischen Bürger zu bitten, sich auf der Straße anzustellen und die Visa über ein Fenster zu beantragen, berichtete die damalige „Nummer drei“ an der Gesandtschaft. Kirchschläger habe dann aber gemeint, dass die Menschen auf der Straße zu sehr „in der Auslage“ stünden und habe sie in die Botschaft hereingebeten. Vier Tage später sei dann vom Innenministerium die Weisung eingetroffen, die Visavergabe einzustellen. Dagegen habe Kirchschläger demonstriert. Kirchschläger habe befunden, dass diese Weisung der humanitären Tradition Österreichs widerspreche, sagte Peterlik.

Bei der Festveranstaltung im Rathaus wurde auch eine Ausstellung zum Prager Frühling eröffnet. Diese wird vermutlich ab September öffentlich zugänglich sein: im tschechischen Zentrum in Wien in der Herrengasse 17 sowie online auf der Website der tschechischen Botschaft unter www.mzv.cz/vienna.




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